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Das Rotschwänzchen lässt alle vor Rührung zerschmelzen.

TIMES MAGER

Büchervögel

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Rotschwänzchen unterm Vordach, Amsel mit Kirschgeschenk - und von den Solarmodulen pfeifen die Spatzen.

Man stört ja nur ungern. Aber beim morgendlichen Zeitungsholen wurden soeben die Abstandsregeln zu einem Paar Hausrotschwänzchen verletzt. Die beiden Vögel hatten auf der Verpackungsmülltonne neben dem Briefkasten verschnauft. Sie befanden sich offenbar in einer Debatte. Es mag um Grundsätze der Kükenerziehung gegangen sein.

Als der Mensch nahte, flogen sie auf, aber nicht weg. Ein Elternteil wartete schimpfend auf einem Autodach vor dem Haus, das zweite zeternd auf dem Gartenzaun. Man zieht sich dann schuldbewusst zurück.

Es gab Sommer, da übernachtete ein piepjunges Rotschwänzchen im Gebälk unterm Vordach, direkt über der Haustür. Kehrten die Menschen nachts zurück, blieb es mucksch sitzen und konnte sich darauf verlassen, dass niemand ihm Böses wollte, aber alle vor Rührung zerschmolzen. Das war die Zeit, bevor der Bücherkater herüberzog von nebenan. Das war, bevor das Bücherhaus abgerissen wurde. Das war, als der Bücherbaum noch stand. Das war, als der Büchermann noch lebte.

Neben dem Bücherbaum, über all den gesammelten und gestapelten Obstkisten mit allzu vergänglicher Literatur, stand auch ein Kirschbaum. Einmal konnte vom Balkon herab beobachtet werden, wie zwei Amseln auf dem Garagendach poussierten, und der Amselmann schenkte der Amselfrau eine Kirsche. Eine ganze Weile schauten sie einander an, dann wieder weg, dann wieder einander an, und alle paar Blicke legte der Amselmann seiner Angezwitscherten sehr galant die Kirsche nahe.

Gerade ist es kaum zu ertragen, dass der riesige Bücherbaum und sein fast gleichgroßer Kumpel, der Kirschbaum, nicht mehr leben. Offenbar sind die Vögel verwirrt, wenn nicht gar erbost, weil sie sich fragen: Äh, und wir? Wo sollen wir nisten, wo brüten, wo singen? Da habt ihr euch also zwei neue Häuser hingebaut, wo früher ein einzelnes Bücherhaus stand, soso, aber die Bäume und die kleine Wildnis im Garten, die sind jetzt ratzekahl weg.

Übrig ist ein Silberahorn bei den Nachbarn einige Meter Richtung Südosten, in dem nun jeden Abend Revierkämpfe der Gefiederten um den verknappten Wohnraum toben. Vom Büchereichhörnchen hat man das ganze Jahr noch nichts gesehen. Ersatz müsse geschaffen werden, sagt die Behörde, selbstverständlich, für jeden gefällten Baum ein neuer Baum, wenn auch unter Umständen nicht auf demselben Grund.

Wenn der Bücherkater die Brache inspiziert, schnuppert er stets auffällig lang an einer Stelle auf dem Boden. Das ist der Platz, an dem der Bücherbaum stand. Es wird keinen mehr geben wie ihn, das pfeifen die Spatzen von den Solarmodulen.

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