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Büchersprung

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Von: Thomas Stillbauer

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Mistwetter, denkt sich die Katze.
Mistwetter, denkt sich die Katze. © Christophe Papke/imago

Neue Menschen sind eingezogen, wo das Bücherhaus stand. Sie stellen dem Kater kein Futter mehr hin.

Den Bücherkater fröstelte. Allein schon bei dem Gedanken! Ein Wetter, er schüttelte die Vorderpfote, da jagte man doch keinen Menschen vor die Tür. Die Amseln freilich, die schienen vor nichts zurückzuschrecken. Wenn sie vor dem Fenster herumhüpften, schnatterte er manchmal empört, wie es Kater hinter Glasscheiben serienmäßig tun. Wartet nur, schnatterte er.

Trotz allem hatte er jüngst ein Kunststück vollführt. Normalerweise, wenn der erste Mensch heruntergeschlurft kam zum Briefkasten, also der erste Mensch des Tages, auch wenn er schlurfte wie der erste Mensch schlechthin, um die Zeitung zu holen und wieder hinaufzuschlurfen, normalerweise saß der Bücherkater dann als stummer Zuschauer neben der Biotonne. Wenn überhaupt. Lehnte sämtliche Annäherungsversuche empört ab. Zog irgendwann bodennah von dannen.

Diesmal aber, als der Mensch seine Zeitung aus dem Kasten gezogen hatte, sprang der tollkühne Bücherkater mit einem Satz auf den Baum. Es ist, zugegeben, leider, wir wissen ja alle um die Situation, nur ein Bäumchen. Die großen Bücherbäume, die stolzen überragenden, die Beherrscher der ganzen Gegend, die hatten sie ja längst gefällt. Als das Bücherhaus fiel. Das Haus des Büchermannes, der seine ausufernde Lektüre auf allen Fluren und draußen in Bananenkisten hortete, bis er unvermittelt starb. Bis sie kamen und alles nahmen, die Bücher, das Bücherhaus, die Bücherbäume. Die ganze Bücherwelt des damals so kleinen, großäugigen, mutterlosen Katers.

Mit einem Satz ins Bäumchen also. Und dann der Blick. Ich bin hier der Bücherkater, und wer bist du? – Na, der Zeitungleser. – Dann ist ja gut!

Im Neubau, dem überdimensionierten Nachfolger des alten Bücherhauses, waren inzwischen alle neuen Menschen eingezogen. Nicht nur hinten die Familie mit den beiden Kindern, wo man eifrig zimmerte und im Garten seltsame Hütten baute (er) und sich anschrie (sie) und dem Bücherkater kein Trockenfutter mehr hinstellte (niemand), weil er doch nebenan wohnte und dort dick genug wurde (Unverschämtheit!). Auch vorn wohnte jetzt jemand.

Das Sonderbare: Früher, im alten Bücherhaus, waren nie schlafende Menschen zu sehen gewesen. Jetzt aber, und das wunderte auch den Bücherkater, ließen die sehr nahe herangerückten neuen Bewohner nachts die Rollläden offen, so dass man sie bei ihrem Schlafen und auch bei ihrem Lesen im Bett sehen musste, wenn man selbst in der Küche war und noch nicht mal bei seinem Kochen gesehen werden wollte.

Ein Frühling, dachte der Bücherkater, das wäre auch mal wieder was. Und ein paar anständige Bäume.

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