Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Bücherkater und die Büchermauer.
+
Der Bücherkater und die Büchermauer.

Times mager

Büchermauer

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
    schließen

Wo Wildnis war, stehen jetzt Topfpflanzen. Wehe, Bücherkater lässt sich von diesen Leuten streicheln.

Normalerweise, also fast immer, ließ sich der Bücherkater nichts anmerken. Ob es regnete, schneite, ob die Mäuse einen Line Dance aufführten. Ob man ihm sein Eigenheim praktisch unter den Pfoten wegriss, die Bücherkartons des toten Büchermannes, in denen er als winziges, einsames Katerbaby gelebt hatte. Ob man das ganze Bücherhaus kurz und klein haute, ob man die beiden prachtvollen Bücherbäume umhackte, die Welt wusste es längst: Der Bücherkater würde es hinnehmen. Stoisch würde er die ganze Sache aussitzen.

In den vergangenen Wochen war wieder alles anders geworden. Das Schild der Immobilienfirma, die das neu erbaute doppelte Haus auf dem alten Büchergrundstück für den Gegenwert einer Kleinstadt verkaufen wollte, hing jetzt wieder ordentlich an zwei Haken, nicht mehr halb schepp und quietschend wie in Dawson City nach dem Goldrausch. Und es war eine Familie eingezogen in das halbe Haus.

Eine Familie mit zwei kleinen Töchtern. Damit hatte sich die Zahl der sichtbaren Bewohner, verglichen mit der Situation zu Lebzeiten des Büchermannes, vervierfacht. Die zweite Hälfte des Neubaus, die etwas unattraktivere, stand noch leer.

Die Neuen hatten als erstes im Dachgeschoss ein Bücherregal aufgestellt. Das war durchs offene Dachfenster zu sehen, und offen blieb das Fenster häufig, denn unterm Dach wurde es in dieser Gegend sehr schnell sehr warm. Zugleich strahlte das neue Dach nun zusätzliche Hitze aufs Nachbarhaus ab, denn das neue große Haus stand, im Gegensatz zum alten kleinen Bücherhaus, quer. Die Eingesessenen konnten nicht aufhören, darüber die Köpfe zu schütteln. Der Bücherkater aber nahm es hin.

Bis auf den einen Tag, als er vor der Mauer saß. Die Mauer, die das alte Büchergrundstück vom Nachbargelände zur Rechten trennte, hatte einst zur Garage des Büchermannes gehört, in der er selbstverständlich Bücher bis zum Dach aufbewahrte. Beim Abriss blieb nur diese eine Mauer stehen, bröckelnd. Die hatte der neue Nachbar nun notdürftig verputzt. So notdürftig (und er hatte wochenlang raschelnde Planen drüberhängen lassen), dass der Bücherkater nicht mehr über den nun ebenfalls wackligen Bücherzaun und den Mauerrist in seinen Garten balancieren konnte. Also saß er ratlos davor. Den Freunden des Bücherkaters brach das Herz zum mindestens siebzehnten Mal.

Die neue Familie aber stellte Topfpflanzen auf die Brachfläche neben dem Parkplatz, der einmal die Wildnis des Büchermannes gewesen war. Ließe sich der Bücherkater demnächst von denen streicheln, würde man hier endgültig wegziehen müssen. Aber so weit war es noch lange nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare