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Bücher, Bücher und noch mehr Bücher.

Times mager

Büchermann

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Es war ein großes Drama, Passanten blieben stehen ...

Der Mann war nicht alt, aber verrückt war er schon. Aber nicht böse. Aber immer gehetzt. Und irgendwie panisch. Gegrüßt hat er nie. Nur zurück, das ja. Man konnte mit ihm in derselben Bahn fahren, den ganzen Weg in die Innenstadt, zufällig gegenübersitzen konnte man sich sogar, er schien einen nie zu erkennen.

Die erste Zeit war er nur verrückt, gehetzt und irgendwie panisch, und dann war er auf einmal ganz klar ein Messie. Als die Bücher nicht mehr ins Haus passten, ein ganzes Haus, kein Reihenhaus, ein freistehendes großes Familienhaus mit Anbau. Als das voll war, das Haus, quollen die Bücher nach draußen. Wie aus einem Vulkan brodelten sie heraus. Im Innern alles verdichtet, das Material musste sich Raum schaffen, es drang unweigerlich in den Vorgarten. Da stand dann die Literatur in Bananenkisten. Anfangs schützte er sie noch mit Plastikplanen gegen die Wetter.

Eingesessene wussten, in dem Haus lag die Mutter des Mannes, irgendwo da drin lag sie, und gelegentlich brachte er sie zum Doktor. Also wusste der Doktor Bescheid. Regelmäßig kamen auch die Damen und Herren vom Amt, also wusste auch das Amt Bescheid. Manchmal bestellten die Leute vom Amt einen Lieferwagen oder einen Container plus Personal, und dann wurden kistenweise Bücher aus dem Haus getragen. Hinter jeder Kiste rannte der Mann her und versuchte sie wieder ins Haus zu reden, zu weinen und zu schreien. Sie konnten ihm doch nicht die Bücher wegnehmen – alles, was er hatte!

Es war ein großes Drama. Darauf angesprochen, sagten die Leute vom Amt: Natürlich, der Mann tue ihnen auch leid, aber die Fluchtwege im Haus, und da lebe ja schließlich auch noch ein Mensch, und zwar eine liegende Mutter, und zwar da drin.

Passanten blieben stehen und betrachteten den Vorgarten, den meterhoch mit längst modernden Bücherkisten gefluteten Vorgarten und schüttelten die Köpfe. Eine kleine wilde Katze zog in eine der Bücherkisten ein, auf Menschenaugenhöhe, und guckte raus. Das war zu der Zeit, als der Mann auf einmal tot war. Herzinfarkt, sagten sie. In der Innenstadt.

Jetzt sind der Mann, die Mutter und die Bücherkisten weg, und die Katze ist ins nächste Haus eingezogen. Sie ist noch jung, aber verrückt ist sie schon. Aber nicht böse. Aber immer irgendwie auf der Hut. Manchmal lässt sie sich beinahe anfassen. Das sind stolze Momente für die, die das beinahe dürfen. Morgen wird das Haus des toten Mannes abgerissen, morgen werden die riesigen Bäume gefällt, vielleicht übermorgen. Es wird davon zu lesen sein.

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