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Für heute hatte er genug gesehen.

Times mager

Bücherlenz

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Der Bücherkater im Frühling: Er wächst über sich hinaus, wenn er will.

Als der Frühling fast schon nach ihm schrie, streckte sich der Bücherkater, lang wurde er dann, länger, zwei Meter, vier Meter. Eigentlich war er über den Winter eher in die Breite gegangen, um ehrlich zu sein, aber wenn jemand Dinge konnte, die sonst keiner konnte, wenn hier einer über sich selbst hinauszuwachsen imstande war, dann der Bücherkater. Wenn er wollte.

Die Menschen hatten ihn seit vielen Wochen nicht gesehen. Im Herbst war er über die Baustelle gewandert, abends, wenn die Arbeiter weg und ihre Maschinen endlich wieder leise waren. Die Bescherung angesehen hatte er sich. Fast täglich in der Dämmerung. Was aus seinem Zuhause geworden war.

Der Bücherkater ließ sich nichts anmerken. Dass es den Büchermann nicht mehr gab und auch nicht den immensen Bücherberg, den der Büchermann gebaut hatte, in seinem Haus und um sein Bücherhaus herum. Dass der Bücherberg mit dem Haus verschwunden war, abtransportiert, vernichtet, die papierne Wildnis, die dem Bücherkater Schutz geboten hatte für sein erstes Leben, sein ganz kleines Leben. Aus einem Karton unterm Vordach des Bücherhauses hatte der Bücherkater herausgeschaut, als er noch etwas Winziges mit großen dunklen Augen war, scheu zwischen den Zeilen.

Dass es den Bücherbaum nicht mehr gab. Auch das ließ sich der Bücherkater nicht anmerken, der längst bei den Nachbarn wohnte. Selbst die Vögel ließen es sich nicht anmerken, dass ihr wichtigster Landeplatz in der ganzen Gegend nun fehlte, der Bücherbaum, weil die Menschen lieber Häuser wollten als Bäume, weil sie alles weggeholzt hatten, den ganzen Urwald hinterm Bücherhaus, alles, was lebendig war.

Nun saßen sie eben auf dem Hausdach, die Vögel. Sie saßen dort, sangen vom Frühling, und Pardon – sie schissen, es ließ sich nicht anders beschreiben, schissen das brandneue Dach des Hauses voll, das dort Raum griff, wo ihr bester Baum gestanden hatte, der einst höchste und mächtigste Baum des Reviers. Tauben, Krähen, Amseln, Rotkehlchen, Meisen, sie schissen, bis das Dach weiß gesprenkelt war wie kein anderes Dach in Tagesflugdistanz. Das war es, was die Vögel machten, die einst die Freunde des Büchermannes gewesen waren. Sie schissen drauf. Aus allen Rohren. Und sie hatten verdammt recht.

Der Bücherkater aber zog übers Gelände, inspizierte die fast vollendete Baustelle, sprang federleicht aufs Garagendach, elegant, wie man es dem großen und mächtigen (und vielleicht ein wenig moppeligen) Bücherkater gar nicht mehr zugetraut hätte, und verschwand in der Dämmerung. Für heute hatte er genug gesehen. So lebte er hin.

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