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Bücherkrieg

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Von: Thomas Stillbauer

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Dieser besondere Kater kann sicher Botschaften entziffern und vielleicht sogar den Frieden fordern.

Skulptur des Widerstands: der Bücherkater.
Skulptur des Widerstands: der Bücherkater. © Friso Gentsch/dpa

In Kriegsdingen war der Bücherkater unerfahren. Von Krieg hatte er in seinen immer noch vergleichsweise jungen Jahren nichts geahnt. Zu Kampfhandlungen mochte es gekommen sein, wenn man sich als Nachbar die Geräuschkulisse vor Ohren führte, die manche Sommernacht gezeitigt hatte. Wobei es im Zusammenhang mit Katern und Katzen nie so ganz klar war, wovon ein Geräusch zeugte. Von territorialen Auseinandersetzungen oder Maßnahmen zum Arterhalt.

Dem Krieg jedenfalls, so viel durfte man als Vertrauter voraussetzen, stand der Bücherkater ablehnend gegenüber. Gut, er hatte sich mit den Baugerätschaften geprügelt, die das Haus des Büchermannes zerstört, den Bücherbaum gefällt und später Stein um Stein aufgeschichtet hatten. Dabei war es jedoch nie zu Menschen- oder gar Katzenrechtsverletzungen gekommen.

Wenn der Bücherkater nun, im heraufziehenden Frühling, auf seine Streifzüge ging, berührten die vorsichtigen Pfoten blau-gelbe Gemälde auf dem Trottoir, Kinderkunstwerke, und daneben die imperative Forderung aus doppelt und dreifach aufgetragener Kreide: Frieden! An Stellen, die in vorangegangenen Jahreszeiten mit Transparenten fürs Durchhalten plädiert hatten: Wir schaffen das! Wir meistern diese Zeit gemeinsam! Zusammenhalt! Da ging es jetzt darum, im Angesicht menschengemachter Lebensgefahren friedlich zu werden oder zu bleiben, je nach Standort, je nach Reichweite der Botschaft.

Ob so eine Botschaft bis weit nach Osten reichte, da war der Bücherkater überfragt. Ob ein herkömmlicher Kater so eine Botschaft überhaupt hätte entziffern können, auch da waren Zweifel angebracht. Aber hier handelte es sich doch um den Bücherkater. Wenn einer auf vier Beinen mit Geschriebenem vertraut war, dann ja wohl er.

Der Geist jedenfalls, der ermutigende Inhalt der Kreidekundgebungen, lag in der Luft. Mitunter machte sich der Bücherkater wenn nicht zum Sprachrohr so doch zur Skulptur des Widerstands, wenn er morgens auf der Fensterbank saß, in die aufgehende Sonne blinzelte und sich über gar nichts mehr wunderte. Dass auf dem geschleiften und übertrieben bebauten Büchergrundstück schon wieder die spärlichen Rasenflächen ausgegraben und durch Mulch ersetzt worden waren. Dass dort nachts plötzlich Lichter aus der Erde strahlten, hoffentlich wenigstens mit dem vergangenen Tageslicht solarbetrieben. Dass dort kaum ein Vogel mehr einen würdigen Platz fand für sein Frühjahrskonzert. Das waren Handlungen wider eine bessere, frühere Welt. Aber nicht zu vergleichen mit Handlungen wider den Frieden. Dem Bücherkater sträubte sich das Fell.

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