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Ein Bauleiter muss manchmal die Krallen ausfahren.

Times mager

Bücherkater

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Was aus Dimitri wurde, als alles weg war, was ihm Obdach und Halt gab. Die Feuilleton-Kolumne.

Als wir ihn kennenlernten, nannten wir ihn die Miezi, weil eine fremde Katze ja erst mal eine Katze ist. Als wir erfuhren, dass es sich um einen Herrn handelt, nannten wir ihn Dimitri. Die Leute unten im Haus, die ihn später bei sich aufnahmen, nannten ihn erst Muschi und dann, nach Kastration und Erkenntnisgewinn, Muschel. Manches wird besser im Leben, anderes nicht.

Dimitri alias Muschel ist der Bücherkater. Er war als winzigstes Wesen inmitten der Bücherhalden des Büchermannes aufgetaucht, ohne Katzenmama, und hatte sich in einer der Bücherkisten eingerichtet, ganz allein, auf Menschenaugenhöhe, unterm Vordach des Bücherhauses. Eine bezaubernde Frau gab ihm Sardinen. Da beschloss er wohl, dass die Gegend ganz in Ordnung sei.

Erst als der Büchermann starb, spitzte sich die Situation für den Bücherkater zu. Nun kamen die Leute mit den Containern und warfen im hohen Bogen weg, was dem Büchermann jahrzehntelang über den Kopf gewachsen war, was im Haus die Wege versperrt und im Hof gemodert hatte, die Literatur in Kisten. Nun stand der Bücherkater ohne Obdach auf der Straße. Nun bauten ihm die Muschel-Nachbarn aber eine Klappe in ihre Terrassentür, und selbst der traumatisierte Hund aus Osteuropa ließ den Bücherkater gewähren.

Doch blieb der Bücherkater stets distanziert. Freundlich, aber distanziert. Man gab ihm zu fressen, das stimmte zwar, aber hatte man ihn nicht auch eingefangen und einiger Katerqualitäten beraubt? All dies galt es abzuwägen als Bücherkater, wenn man die Nachbarn von unterm Dach traf, die stets seine Nähe suchten. Einmal schenkte er der bezaubernden Sardinenfrau ein Vorbeistreichen am Bein, einmal ließ er sich auf ein ironisches Tatzengemenge im Hausflur mit dem Mann der Sardinenfrau ein. Es waren jeweils stolze Momente für die Menschen.

Der Sommer ging, das Bücherhaus fiel mit Getöse, dann fiel der Bücherbaum. Was hielt den Bücherkater jetzt noch? Wo er herkam, war nichts mehr. Katzen, sagt man, mögen keine Veränderung. Man hatte dem Bücherkater seinen Büchermann genommen, sein Bücherhaus, seinen Bücherbaum und seine Bücher. Was blieb?

Ein kluger Kater blieb. Jeden Abend inspizierte er nun die Baustelle, wenn die Arbeiter gegangen waren. Stieg auf den Bagger. Erkletterte das Gerüst bis in die zweite Etage und sprang, weil er den Rückweg nicht wusste, aus fünf Metern hinab. Eigentlich braucht er einen Helm, sagten wir, und nannten ihn fortan den Bauleiter. Den besonders belesenen Bauleiter Bücherkater.

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