+
Mancherorts sind die bagger allerdings noch nicht gekommen.

Times mager

Bücherhaus

  • schließen

Und jetzt, folgerichtig, ist der Bagger zum Haus des Büchermanns gekommen.

Der Bagger kam im Morgengrauen. Nein, vielmehr stand der Bagger schon da – die Männer kamen im Morgengrauen. Sie lehnten am Bagger und rauchten Zigaretten, und wenn einer der Nachbarn herauskam, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, grüßten sie freundlich.

Als die Zeit abgelaufen war, die man Nachbarn am frühen Morgen mindestens lassen muss, damit sie nicht allzu hart aus dem Bett fallen; als zu anderen Jahreszeiten die ersten vier, fünf, sechs Vogelarten mit ihrem Gesang in den Tag vorläufig fertig gewesen wären, warfen die Männer den Bagger an und bissen Stücke aus dem Haus des Büchermanns.

Seit dem Tod des Büchermanns waren noch mehr Menschen vor seinem Haus stehengeblieben. Jetzt, neuerdings, standen sie nicht, um sich die Mäuler zu zerreißen über die Büchergebirge, die der Büchermann im Vorgarten errichtet hatte, weil im Haus kein Platz mehr gewesen war für die nächsten Bücher. Er besorgte sie unablässig vom Verkauf aus zweiter und dritter Hand vor der Universität, da, wo Bücher so günstig waren wie nirgends, und er brauchte doch Bücher, immer mehr, immer mehr. Er war doch der Büchermann.

Nein, jetzt standen die Leute nicht mehr am Zaun, um Büchergebirge zu begaffen, aus denen Bäume wuchsen, schnell wachsendes Weichgehölz. Nein, jetzt kamen sie nicht mehr, um angewidert die Köpfe zu schütteln, wie sieht das denn aus!, der verschandelt die ganze Gegend!, der zieht doch das Geziefer an, der!

Nein, jetzt hatten sie Fragen. Steht das Haus zum Verkauf? Jetzt wechselten sie sogar aus der dritten Person Singular ins Höfliche, man konnte die Großschreibung förmlich schmecken: Entschuldigung, kennen Sie den Eigentümer? Hätten Sie eine Telefonnummer? Es ging hier schließlich um eine urbane Immobilie, das Wertvollste also, was es gibt.

Jahrelang blieb alles, wie es war. Kein Mensch mehr im Haus, kein Büchermann, keine hinfällige Mutter des Büchermanns, irgendwann verschwanden sogar die Bücher des Büchermanns in mächtigen Containern auf mächtigen Lastwagen und fuhren davon. Da musste sich auch die kleine wilde Katze ein neues Zuhause suchen, die in einer der Bücherkisten auf Menschenaugenhöhe gewohnt hatte.

Und jetzt, folgerichtig, der Bagger. Zigaretten ausgetreten, Bagger angeworfen, die letzten Stunden des Hauses des Büchermanns. Wie nun im Abrissprozedere die Balken in die Höhe ragen aus der Ruine, pardon: ein kleines bisschen Ground Zero. Ist das Haus erst einmal aus dem Weg, schützt nichts und niemand mehr die riesigen Bäume dahinter vor den Abrissmännern. Es wird, wie gesagt, davon zu lesen sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion