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Büchergras

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Von: Thomas Stillbauer

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Kein Bücherbaum mehr für den Bücherkater, dafür: Rollrasen.

In dem Reich, über das der Bücherkater herrschte, gab es also längst keinen Baum mehr. Ein paar Sträucher waren geblieben, abseits, wo schon immer Sträucher gestanden hatten. Aber wo einst die Bäume waren, neben dem Haus des toten Büchermannes, über den Halden mit geretteten Büchern, die er im Garten lagerte, bis ihn das Lesen verließ und dann das Leben, da wuchs nur noch Stein.

Immer noch kamen Starenscharen geschwirrt, um nach alter Gewohnheit im riesigen Bücherbaum zu verschwinden, zu schwatzen, zu schweigen und wieder zu schwärmen, auf ein Kommando, das kein Kater verstand. Doch wuchs da ja kein Bücherbaum mehr zum Rasten. Die Verwirrung der Vögel war offenkundig. Wenn sie ins Leere flogen, lag Enttäuschung in der Luft.

Eines Tages kam dann doch Grün. Getösemaschinen brachten gerolltes Gras und verteilten es in Bahnen auf dem Boden. Viel Platz war nicht. Außer dem doppelten Haus, wo früher nur das Bücherhaus stand, verlangten nun auch Autos ihren festen Grund. Auf die Quadratmeter Rollrasen, die noch irgendwohin passten, sprühten Hin-und-her-Anlagen Wasser. Am Ende eines Schlauchs befand sich ein gebogenes Rohr mit Löchern, das sich von Nord nach Süd und wieder von Süd nach Nord warf, um eine möglichst große Fläche zu benetzen.

Wobei, wie erwähnt, keine große Fläche vorhanden war, die hätte benetzt werden müssen. Also benetzte die Hin-und-her-Anlage auch die Umgebung. Braune Ströme überschüssigen Gießwassers, vermischt mit Rollrasenerde, flossen über den Hof der staunenden Nachbarn, am Bücherkater vorbei, der das Hin und Her mit seinem Schweif imitierte.

Die größte technische Schwierigkeit war es, den vorderen Teil des ehemaligen Büchergrundstücks zu bewässern. Dort, wo immer noch niemand eingezogen war, weil diese Neubauhälfte ohne Keller und Balkon, Blick auf die Straße, für eine Dreiviertelmillion Euro bisher keine Bewohner gefunden hatte, wie das tapfer im Wind baumelnde Maklerschild bewies – dort war nur Platz geblieben für ein Rollrasenstück mit der Ausdehnung eines Badehandtuchs. Jemand hatte auch für diese Fläche einen Hin-und-her-Schlauch ausgelegt. Er wässerte das Trottoir, Passanten, parkende Fahrzeuge, die rechte Hinterpfote des Bücherkaters, die er mit würdigem Abscheu in der Luft schüttelte. Der Rollrasen schoss ins Kraut. Niemand mähte.

Auch einen modernen Zaun zur Straße hin hatte das frühere Büchergrundstück jetzt. Er ragte zwanzig Zentimeter über die anderen Zäune der Umgebung hinaus. Mensch und Tier vermissten den Büchermann und die Welt, in der er gelebt hatte.

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