Sehnsuchtsort der Eichhörnchen: Ein kleiner Urwald in der Stadt.
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Sehnsuchtsort der Eichhörnchen: Ein kleiner Urwald in der Stadt.

Times Mager

Büchergarten

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Grün war jetzt keine Option mehr: Herr Bauinspektor Kater auf verlorenem Posten.

Es kam viel zusammen in diesem Herbst. Dunkle Jahreszeit, dunkle Winkelzüge auf der Welt, und was sollte eigentlich aus dem Büchergarten werden?

Immer noch ging der Bücherkater täglich seine Runden übers Gelände, auf dem einst hohe Bäume gestanden hatten und das Haus, in dem der Büchermann seine Schätze hortete, alles, was sich lesen ließ. Die Bäume waren weg. Das Haus war weg. Ein neues Haus stand da, nein, zwei Häuser, doppelt so groß wie das Haus des toten Büchermanns. Und in den Witz von Garten, der blieb, brachten die fremden Männer Steine, immer mehr Steine.

Der Bücherkater kämpfte tagtäglich seinen Kampf gegen eine weiße Kordel, die er offenbar als die Hauptverantwortliche ausgemacht hatte. Man kannte das von Katzen. Dass sie etwa ein rotes Siegel am Stromkabel des Staubsaugers attackierten, weil sie darin die Ursache allen Lärms lokalisierten. Denkbar, dass sie uns dieses Wissen voraus hatten. Es gab inzwischen Staubsauger, die weitaus leiser arbeiteten, und an deren Stromkabel befand sich kein rotes Siegel. Manche modernen Staubsauger hatten nicht mal ein Stromkabel.

Der Herr Bauinspektor Bücherkater also rang auf schroffem Grund neben dem Bagger, vor Türmen von Verbundsteinen, mit einer weißen Kordel, und wenn er mit ihr wieder einmal fertig war, sprang er plötzlich – wie von einer grundlegenden Erkenntnis getroffen – buschigen Schwanzes aus dem Bild. Kehrte später zurück, erledigte Geschäfte, verscharrte in spärlichen Resten verbundsteinfreier Erde, was zu verscharren war.

Ein riesenhafter Nadelbaum, der sich im Sturm auf benachbarte Balkone bog, jedoch standhaft blieb, und eine Kirsche mit fürstlicher Fönfrisur, das waren die Bücherbäume gewesen. Sie zu ersetzen war möglich, wenn man sich einige Jahrzehnte Zeit nahm. Den kleinen Urwald aufzuforsten, den der Büchermann erlaubt hatte hinter seinem Bücherhaus. Domizil der Stadtnaturgesellschaft, Sehnsuchtsort der Eichhörnchen, die immer noch mit Walnüssen in den Mäulern über die Straße gerannt kamen und stutzend verharrten, weil sie stets aufs Neue vergaßen, dass da kein Baum mehr war, kein Strauch, nur Stein, seit mehr als einem Jahr.

Grün war jetzt keine Option. Parkplätze, das kristallisierte sich heraus, würden entstehen, wo der kleine Urwald gerodet worden war. Parkraum war Vorschrift und Gebot der Stunde. Er musste spätestens fertig sein, wenn die neuen Nachbarn einzogen. Bäume waren auch Vorschrift. Sie konnten warten. Sie würden fertig sein, wenn die neuen Nachbarn längst wieder weg waren. Wenn so ein neuer Baum überhaupt noch jemals fertig wachsen würde, unter diesen Umständen.

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