+
Ein Star pflegt sein Gefieder.

Times Mager

Bücherbaum

  • schließen

Das Phänomenalste war immer die Invasion der fünf Millionen Stars.

Schon klar, dass sie ordnungsgemäß Stare hießen und dass sie nur ca. 777 waren, aber wie sie Jahr für Jahr über den Baum herfielen, riesige Rasselbande, wie sie jedes Ästlein besetzten und gleich losplapperten, alle durcheinander, spektakulär. Oft sagten wir sogar: Superstars.

Alle konnten auf Kommando den Schnabel halten. Zack, Stille. Stars? Hier doch nicht, du verdächtiger Schatten eines Greifvogels, du halblauter Knall. War die Luft dann wieder rein, wurde weitergeschwatzt. Reisefieber. Jetzt ging’s los nach Süden, der Baum war der beste Ort weit und breit, um sich zu sammeln. Der Bücherbaum.

Manchmal schimpften wir ihn. Fichte, Douglasie, da gingen die Meinungen auseinander, aber wie das Ding nadelte, immer schön zu uns herüber! Sysiphusse hießen wir einander, je nachdem, wer gerade dran war mit dem Hof. Die Nadeln hörten nimmer auf.

Letztlich taten wir’s ja gern. Im Gegenzug bot der Bücherbaum beispielsweise: die perfekte Sprungdistanz zum Haus des Büchermanns. Die Eichhörnchen mussten kurz Maß nehmen und ein gewisses Draufgängertum beweisen, um vom Dach in den Baum zu springen, zu fliegen eigentlich. Dann flossen sie durchs Geäst, eine Mordswalnuss im Mäulchen, heim zur Familie, die irgendwo im Kobel wartete.

Tränen, die vergisst du nicht

Der Büchermann kümmerte sich nicht um den Baum, auch nicht um die Kirschen nebenan. Um seine Bücher kümmerte er sich. Er war halt der Büchermann. Um die Kirschen kümmerten sich die Hörnchen und die Amseln. Im Bücherbaum aber saßen die buntesten Vögel, zeterten die Krähen, rugguhten die Tauben. Im Bücherbaum aber triumphierten die Sänger, die den höchsten Zweig erobert hatten, zwanzig Meter hoch droben, ein so zartes Zweiglein, dass sie beim Singen um Balance rangen, jedoch stolz. Im Bücherbaum aber wuchsen unsere Bedenken.

Der Bücherbaum stand so viele Jahre neben dem Haus des Büchermanns, er überragte alles, und als der Büchermann tot war, als jedes seiner Bücher liquidiert, als sein Haus abgebrochen war, da machten sie auch den Bücherbaum fort. Wie wir abends nach Hause kamen, und es gab ihn nicht mehr. Wie ein paar seiner Zapfen noch auf der Mauer lagen, aber sonst keine Spur vom Bücherbaum. Wie das Licht ganz anders fiel. Wie die Vögel, das war das Schlimmste, froh heranflogen, und dann war da ihr ganzer Baum nicht mehr. Unsere Tränen um den Bücherbaum, das sind Tränen, die vergisst du nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion