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Einer schafft, drei stehen rauchend dabei, so geht’s angeblich zu beim Hoch- und Tiefbau, hier stand jetzt allerdings nur einer.

Times mager

Bücherbau

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Der Büchermann ist gestorben, sein Bücherberg abgetragen, sein Bücherhaus gefallen. Was kommt nun nach? Die Feuilleton-Kolumne.

Der Büchermann also gestorben, sein Bücherberg fortgeschafft, sein Bücherhaus abgerissen. Als schließlich auch der Bücherbaum fiel, der einst bis zum Mond gewachsen war, als sie ihn Stück für Stück zersägt und geschreddert und abtransportiert hatten, nun – was sollte kommen? Es begann der Bücherbau.

Im Morgengrauen kamen die Männer und fuhren mit schwerem Gerät auf dem Grundstück herum. Fuhren und stampften den Boden platt und fest. Ja, wollten sie denn gar keinen Keller graben? Nein, sagte einer der berühmten Dabeisteher mit einer der berühmten Zigaretten, denn alle wissen, einer schafft, drei stehen rauchend dabei, so geht’s angeblich zu beim Hoch- und Tiefbau, hier stand jetzt allerdings nur einer. Nein, sagte er, die Bauherrn wollten keinen Keller, und das müsse jeder selbst wissen.

Als Nächstes kam eine Schicht schwarzer Kies, oder wie nennt man so was? Zweekommafünf nenne man das, sagte der Zigarettenmann. Ob das die Kornstärke sei? Das sei die Kornstärke. Und drunter kein Keller, obwohl es ja im Sommer inzwischen so heiß werde, dass man einen Keller als kühle Kammer gut gebrauchen könne? Würde er auch sagen, sagte der Zigarettenmann. Aber ihn frage niemand.

Innerhalb eines Tages konnten die Männer ein halbes Stockwerk mauern, eine halbe Straße mit Parkverbotsschildern ausstatten, zwei Schachteln Zigaretten rauchen und die meisten Lieder im Radio mitpfeifen. Alles Sachen, die der Büchermann nicht getan und auch gar nicht gewollt hatte. Er war ja der Büchermann. Er sammelte Bücher. Er hatte mit seinem Chaos auch irgendwie der Umgebung einen Halt gegeben.

Das alte Bücherhaus mit den Bücherbergen davor, das war ja auch ein Schutz gewesen. Als es fiel, entstanden ganz neue Blickachsen. Die Nachbarn zur Rechten und zur Linken mussten jetzt aufpassen, wenn sie das Badezimmerfenster morgens öffneten, dass sie schon etwas am Leib hatten. Denen im Parterre konnte man ins Abendbrot schauen, vom einen Tag auf den anderen.

Jetzt war sowieso alles anders. Jetzt musste man sich fragen: Wo kommen die Fenster im neuen Bücherhaus hin, und wer zieht da überhaupt ein? Am Ende ziehen Leute ein, die lauter sind als der Büchermann, von dem man praktisch nichts gehört hatte, schon gar nicht, als er gestorben war.

Zum Glück gab es wenigstens noch den Bücherkater. Jeden Abend inspizierte er die Baustelle und nahm es sogar mit dem riesigen Bagger auf. Der Bücherkater, unser Held. Einst hatte er im Bücherberg gelebt, unterm Bücherbaum. Vom tapferen Bücherkater wird noch zu lesen sein.

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