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"Verfluchungswürdige Schrift": Ein Aufreger wie zu Zeiten der Veröffentlichung von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" ist das Buch heute nicht mehr.

Times mager

Ein Buch!

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Lesen ist spannend, Lesen ist gefährlich. Jedenfalls, wenn man öffentlich in einem Buch liest, das "Syria Speaks!" heißt.

Im Jahr 1775 schrieb Pastor Johann Melchior Goeze über Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“: „Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten, welches gewiß zu seiner Zeit aufbrechen wird.“ Hätte er über lesende Fräuleins geschrieben, er hätte womöglich noch stärkere Worte der Abscheu gefunden. War man doch im 18. Jahrhundert überzeugt, dass das weibliche Geschlecht von jeder Lektüre beeinflusst wird wie ein Halm im Sturm. Dass ihm krause Ideen in das Köpfchen gepflanzt werden, die das Dämchen gar nicht mehr herauszuschütteln vermag. Und, noch schlimmer, dass es seine häuslichen Pflichten vernachlässigt, als da waren: Braten, Backen, Boden schrubben, Pisspott leeren. Außer man hatte Personal – das in der Regel nicht lesen konnte und also in keiner Gefahr schwebte.

Im 21. Jahrhundert sind eigentlich alle froh, wenn es noch – vereinzelt – Menschen gibt, die ihren Kopf in gedruckte Bücher stecken. Wie altmodisch! Wie reizend! Guck mal, sagt da der Vater zu seiner Tochter, das könntest du doch auch mal machen. Diese schaut ihn an, als habe er sie zu drei Tagen Handyverzicht und Anhören seiner alten Konstantin-Wecker-Platten verdonnert.

Jetzt aber könnte das Lesen auch für junge Leute wieder interessant, weil aufregend und gefährlich werden. Der britische „Guardian“ berichtet, dass eine junge Frau (Ähnlichkeit mit Amy Winehouse, aber Psychotherapeutin in Leeds) am Flughafen – am, tatsächlich, „Robin Hood Airport Doncaster Sheffield“ – von der Polizei empfangen wurde, nachdem sie auf ihrem Flug von der Türkei nach England ein Buch gelesen hatte. Das Buch trägt den Titel „Syrien spricht: Kunst und Kultur an der Front“ und versammelt Essays, Geschichten, Gedichte, Songtexte syrischer Autoren, auch Cartoons und Fotografien. Der Schriftstellerverband PEN unterstützte die Übersetzung ins Englische finanziell, auf dem Cover prangt ein fettes Lob der Schriftstellerin A. L. Kennedy („weise, mutig, fantasievoll“), man kann den Band über Amazon bestellen. Ein Flugbegleiter erschreckte sich trotzdem – „Syria Speaks“! – und informierte die Polizei.

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Ein Sprecher von Thomson Airways nahm inzwischen wie folgt Stellung: „Unsere Besatzungen absolvieren regelmäßig ein Training in allgemeiner Sicherheit und Aufmerksamkeit für Sicherheitsfragen. Dazu gehört, dass sie ermutigt werden, wachsam zu sein und jede Information oder Fragen mit den relevanten Behörden zu teilen.“ England mokiert sich. Andererseits: Da wurde einem Buch noch Wirkmacht zugetraut.

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