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Ein Abenteuer für die Sinne: der Brummkreisel.

Times mager

Brumm

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Jetzt aber Augen und Ohren auf!

Aus einer renommierten, nach einem der größten Dichter benannten Universität erreichte uns knapp zwei Monate vor Weihnachten eine Pressemitteilung, die die folgende Überschrift trug: „Überraschende Netzwerkaktivität im unreifen Gehirn. Schon vor dem ersten Augenöffnen können lokale Schaltkreise globale Effekte hervorrufen.“

Nun sind Sie es nicht gewohnt, 19 Kalendertürchen vor Weihnachten an dieser Stelle mit Dingen konfrontiert zu werden, die schon fünf bis sechs Wochen alt sind (bzw. noch keine 50 Jahre her). Es handelt sich hierbei schließlich immer noch um eine Tageszeitung. Manches muss sich allerdings erst mal setzen, um verstanden zu werden, besonders im überreifen Gehirn.

Denn der Titel besagter Hochschulmeldung mag ja noch halbwegs verständlich sein. Man liest ihn und denkt: Gott nee, was hat der verrückte Präsident jetzt wieder vor dem Aufstehen aus dem Bett getwittert? Es folgen dann aber allgemeinere Erkenntnisse wie jene, „dass die spontanen Aktivitätsmuster entfernter Populationen von Neuronen stark korreliert waren“ – und zwar „im visuellen Cortex des Frettchens“. Was nur scheinbar wieder zurück zur Ausgangsthese über den Führer der freien Welt leitet.

Es geht natürlich um Neugeborene und ihre ersten Hirngespinste, noch ehe sie den Globus mit eigenen Augen sehen. Das mag die Forschung faszinieren. Laien bietet es eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, was wohl die eigenen frühesten Eindrücke waren – der Einfachheit halber nach Öffnen der Äugelchen.

Da dürfte die Mama stark im Mittelpunkt der Ereignisse stehen. Und das hochverdient. Aber wenn wir ehrlich sind, haben die ersten, sagen wir mal: drei Jahre nicht solch bleibende Eindrücke hinterlassen, dass wir sie noch heute unhypnotisiert abrufen könnten. Möglich, dass da ganz verschwommen weitere Familienangehörige auftauchen, die einen roten Mantel, eine rote Mütze, einen weißen Bart tragen und ... warte mal ... – einen unfassbaren Schatz aus einem Sack ziehen: einen Brummkreisel!

Gibt es noch Brummkreisel? Der eigene fantastische Brummkreisel brummte nicht nur, er machte auch ab ca. 350 km/h ein sirenenhaftes Geräusch, während in seinem Innern Fahr- und Flugzeuge einander jagten, die es noch gar nicht gab, beleuchtet von einer Art irrem Disco-Gewitter. Der Brummkreisel war ein Abenteuer für die Sinne (und für die Oberarmmuskulatur des kleinen Athleten), so was erlebt man doch heute überhaupt nicht mehr. Dagegen kannst du dein Smartphone einpacken. Und deinen visuellen Cortex.

Vor 105 Jahren wurde der Brummkreisel in Franken erfunden. Mal die Augen zumachen und ihn brummen hören.

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