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Die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke, ein Zahlenmonstrum. Dabei können Brücken auch nicht nur aus Körper zu bestehen, sondern auch sinnlich sein.

Times mager

Brückenbau

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Klingt abgedroschen, aber die gigantische Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke verbindet wahrlich Welten.

Brücken verbinden Welten. Brisante Sache, zudem eine fest stehende Wortverbindung. Wenn man das Idiom hört, hört sich das aber nicht nur glücklich an. Hört sich auch nach einem Allgemeinplatz an. Allerdings ist trotzdem spannend, dass zwischen Brücke und Brücke – hört, hört – auch Welten liegen können. Wiewohl es offensichtlich ist, ist es überhaupt nicht selbstverständlich, aber klar ersichtlich bei der Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke, von der in den letzten Tagen gigantische Abbildungen – bildlich gesprochen – um die Welt gegangen sind.

Perplex hält sich der Bildbetrachter am Zahlenwerk fest. Oder, wie auch in diesem Fall, damit auf: 55 Kilometer lang ist das Bauwerk, das Hongkong mit dem chinesischen Festland verbindet. Bei der Brücke wurden 420 000 Tonnen Stahl verbaut sowie 1,1 Millionen Kubikmeter Zement. Man könnte hier jetzt auf den Unterschied zwischen einer Tonne und einem Kubikmeter eingehen (Stichwort Maße und Gewichte). Wie auch immer: Das riesige China also hat jetzt die längste Meeresbrücke der Welt.

Um aber hier einen anderen Bogen zu spannen: Der Körperbau auch dieses Monstrums mag beschreibbar sein. Aber machen ihn, den Körperbau, nicht auch weitere Dinge aus? Keine gelungene Brücke ohne einen symbolischen Überbau. Ingenieurstechnische Superlative allein machen noch keine schöne Brücke aus. Hamburgs Köhlbrandbrücke ist so ein Fall von Monstrum. Manche Überführung, die sich nur spreizt. Manche aber, die das Verhältnis von technischem Aufwand und Zeichenhaftigkeit in der Schwebe hält, in einem Gleichgewicht Funktion und Form ausbalanciert. Prekäre Sache. Es gibt artifizielle Brückenbeispiele, sogar ätherische Gespinste, als wollten sie, schwebend, in der Luft verschwinden (und nicht nur bei Nebel wie die ungemein stämmige Tower Bridge).

Neben Struktur und Form geht es nicht nur um einen Sinn und eine Funktion, sondern auch um Sinnlichkeit. Man darf dabei an die Golden Gate Bridge von San Francisco denken – auch an die Brücke über den Großen Belt, nordöstlich von Dänemark? Und was ist mit der Europa-Brücke bei Innsbruck? Nein, sie überspannt kein Meer, und, nein, nein, sie ist auch nicht sinnlich zu nennen, während sie den Weg zwischen Mitteleuropa und Italien erheblich ebnet, bildlich gesprochen. Davon zehren Brücken in besonderer Weise, von Sprachbildern. Sie spannen einen Bogen zwischen wortwörtlichem Sprechen und metaphorischem Sprechen. Einigermaßen brisant auch dieser Brückenschlag.

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