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Manchmal ist die Kopie so gut wie das Original.

Times mager

Brosamen

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Charlie Chaplin ist und bleibt ein großartiger Artist. Auch dieser Tage in L.

Während in der Nachbarstadt L. enge Stuhlreihen und große Leinwand für das am heutigen Mittwoch beginnende Filmfestival (unter freiem Himmel, doch es ist derzeit ein Nacht für Nacht blitzdurchzuckter, donnergrollender Himmel!) längst aufgebaut sind, macht an der Seepromenade von A. ein Charlie C. seine Kunststücke.

Die Flaneurin erinnert sich, ihn vor Jahren schon gesehen zu haben, an eben dieser Stelle, mit eben diesen Nummern, als eben diesen Tramp. Eine Locke hängt ihm passgenau in die Stirn, an den Schläfen ist er grau geworden. Ungewiss, ob sein Bärtchen echt, gefärbt, angeklebt ist.

Als Stummfilm-Wiedergänger spricht der Mann kein einziges Wort und trägt: Hut und weite Hosen, dazu Watschelschritt, dazu Hochwasser-Einknopf-Jäckchen, kohleschwarz wie der Rest. Auch ein Stöckchen, so dünn, als würde es bei der ersten Belastung brechen. Der Mann legt den Kopf schief wie ein Vogel, vor allem aber hebt er die Schultern bis zu den Ohren, für ein unschuldiges Charlie-C.-Schulterzucken.

Auf Messers Schneide

Ein kleines Mädchen holt er aus dem halb zugewandten Publikum, den halb schon weitergehenden Passanten. Die Arme soll sie hochstrecken. Wie an einen Kleiderständer hängt er seinen Hut über die eine Hand, die Jacke über die andere. Das Mädchen steht stolz und stoisch. Die Leute applaudieren. Die Sonne scheint.

Dieser Charlie steigert sich bis zur Artistik. Auf Becher mit brauner Flüssigkeit – Cola? – legt er ein Brett, darauf stellt er Becher, legt das nächste Brett, darauf zwei Weingläser. Balanciert schließlich alles auf Messers Schneide, Messers Spitze. Applaus.

Dann wenden sich die Leute schon ab, zeigt Charlie hurtig aufs Kassen-Körbchen. Zuschauer schicken ihre Kinder mit kleiner Münze vor. Dann ist dieser Charlie verschwunden wie ein Geist, aber sicher wird man ihn morgen auf der Promenade von A. wiedertreffen. Wo er erneut die Brosamen aufklauben wird von eines toten Filmstars Tisch, während in L. vielleicht gerade der nächste große Star ausgerufen wird.

In New York am Times Square hatte sich ein kleines Geschäft entwickelt aus halbprofessioneller Filmlegendennachahmung. Aber New Yorks Polizeichef, so war kürzlich auch in dieser Zeitung zu lesen, ließ Spiderman in Handschellen abführen. Ließ inzwischen einen zweiten Spiderman verhaften, dazu Captain America und Cowgirl Jessie. Spiderman 1 wurde vorgeworfen, zehn Dollar für ein Bild mit Touristen zu verlangen. Wucher, entschied der Polizeichef. Dass man ausgerechnet in den USA wegen freier Preisgestaltung festgenommen werden kann, erstaunt.

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