1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Brezel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Hat der Hund die Brezel gefuttert?
Hat der Hund die Brezel gefuttert? © imago/Christian Ohde

Drei Varianten für eine Geschichte, in der jedenfalls eine Brezel vorkam. Mehrfach. Leider konnte die Mitfahrerin in der Straßenbahn sonst nichts verstehen.

Die junge Straßenbahnpassagierin schräg gegenüber spricht geschwind und eine Sprache, deren die Zuhörerin (eigentlich: die Aufs-Handy-Starrerin) nicht mächtig ist. Aber immer wieder tauchen wie ein Blinklicht zwei deutsche Wörter auf: „eine Brezel“. Eine Brezel? Eine Brezel!

Und dann schaltet sich auch das Gegenüber der jungen Frau, eine ältere Frau, eine Kopftuchträgerin, in die Brezel-Diskussion ein, auch sie spricht plötzlich (und es ist kein Zungenbrecher für sie) von einer Brezel. Brezel? Brezel! Gern wüsste man nun, welcher Umstand dazu führt, dass sich zwei Menschen so überaus angeregt mit dem Thema Backwaren beschäftigen. Nicht dass wir das Thema Backwaren gering schätzen, aber doch ...

Vor einiger Zeit war an dieser Stelle von den drei Varianten die Rede, auf die nach Meinung eines gewissen William Foster-Harris alle Geschichten dieser Welt zurückgeführt werden können: Geschichten mit glücklichem Ende, mit unglücklichem Ende, Tragödien. Welcher Art mag also die offenbar ja lange Brezel-Geschichte sein?

Variante eins wäre einfach: Die beiden Frauen haben gerade den besten Brezelbäcker Frankfurts entdeckt, und er ist auch noch preiswert. Sie werden von nun an jeden Tag beim besten Brezelbäcker Frankfurts einkaufen und glücklich sein bis ans Ende ihrer Tage.

Variante zwei, unglückliches Ende, könnte lauten: Die beiden Frauen haben immer beim besten Brezelbäcker Frankfurts gekauft, aber er musste aufgeben und nun befindet sich in dem Laden eine Backwarenkette, die die teigigsten und labbrigsten Brezeln der ganzen Welt macht. Und die zwei haben keine Ahnung, ob sich irgendwo in Frankfurt noch ein Bäcker verbirgt, dessen Brezeln sich für den menschlichen Verzehr eignen. Eine einzige Brezel liegt noch bei ihnen zu Hause, sie überlegen, ob sie sie in der Familie aufteilen oder zum Gedenken einfrieren sollen. Sie geraten darüber in Streit.

Variante drei, die ausgewachsene Tragödie, könnte nach dem Streit weitergehen: Die Frauen kommen nach Hause und stellen fest, dass bereits jemand – der Ehemann?, eines der Kinder? – die allerletzte leckere Brezel aufgegessen hat. Sie stellen die Kinder zur Rede, die behaupten, nichts über den Verbleib der Brezel zu wissen. Sie stellen ihre Ehemänner zur Rede, die ebenfalls behaupten, nichts über den Verbleib der Brezel zu wissen. Ihnen fällt ein, dass es der Hund gewesen sein könnte, er guckt schuldbewusst. Sie erinnern sich an „Rotkäppchen“ und schneiden dem Hund den Bauch auf. Dort ist keine Brezel, aber der Hund ist tot.

Auch interessant

Kommentare