Unsichtbar verläuft die Staatengrenze mitten im Fluss.
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Unsichtbar verläuft die Staatengrenze mitten im Fluss.

Times mager

Breisach a. Rh.

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Von der Geschichte hin und her gezerrt und heute ein europäischer Erinnerungsort: eine Spurensuche.

Man mag B. beschaulich nennen. Bewegt man sich deswegen bedächtig? B. ist heute noch eine immens befestigte Stadt. B. kam zu B., unübersehbar, und die Stadt, hart am Rhein, hoch überm Rhein auf einem Berg, fiel an manche Herrschaft. Nachgewiesen die Belagerung im Jahr 939 durch Otto I., der die Herzöge von Lothringen und Franken bekämpfte. Das Wappen am Rathaus, dem immens reich ausgestatteten Münster gegenüber, nennt das Jahr 1139, in dem die Zeit der Bischöfe von Basel begann in Breisach.

Von felsiger Anhöhe schaut man auf den Rhein, den Rheinhafen. Unsichtbar die Staatengrenze mitten im Fluss. In der Ferne die Höhenzüge des Schwarzwalds, gegenüber, im Westen das Pendant, die Vogesen. An keiner der beiden Rheinseiten mehr Zollanlagen, hüben wie drüben nicht. Europa als eine Gemeinsamkeit, aber auch selbstverständlich?

Historisch, so heißt es, sei Breisach immer ein „Zankapfel“ gewesen. Die Staufer fassten Fuß, die Zähringer bauten auf dem Bergplateau eine Burg, die Stadt wurde seit dem frühen 14. Jahrhundert enorm befestigt, Österreich bemächtigte sich der Stadt, um sie 1469 an den Herzog von Burgund zu verpfänden. Erneut hielt Österreich die Hand über Breisach, Breisach blieb Brückenkopf, seit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, 1648, wurde es ein französischer. Das Bollwerk betonte Ludwig XIV., indem der Sonnenkönig dem Rheintor in der Unterstadt um 1670 ein Portal vorpflanzte, monumental und mit Herkules und Mars. Schon die Römer hatten den Vulkanfelsen militärisch befestigt.

Im Klostergarten machen heute Faltblätter dreisprachig auf die Zerstörung der Stadt 1793, während der Revolutionskriege, aufmerksam. „Wohl kaum eine andere Stadt“, heißt es in einem alten, antiquarischen Kunstführer über Baden-Württemberg, „stand häufiger im Brennpunkt kriegerischer Ereignisse, kaum eine andere sank so häufig in Trümmer wie Breisach“ – zuletzt 1945 zu 85 Prozent. Breisach, an dem hin und her gezerrt wurde, ist ein deutsch-französischer lieu de mémoire und europäischer Erinnerungsort.

Im Juli 1950 waren es 96 Prozent der Bürger Breisachs, die für ein vereintes und friedliches Europa stimmten. Breisach wurde nur fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Vorwerk eines anderen Europas, das sich nicht erst mit den Trümmern von 1945 begründen lässt, sondern mit denen von 1918, 1871, 1793, 1648 – so ließe sich fortfahren, bis ins Frühmittelalter. B., wenig bekannt womöglich und noch weniger berühmt obendrein, ist nur ein anderer Name für die Bastion eines vernünftigen Europagedankens.

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