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Bratwurstbude

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Von: Judith von Sternburg

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Friedfertig, aber auch einsam: die Kölner „Wurstbraterei“, wo Ballauf und Schenk nach getaner Arbeit entspannten.
Friedfertig, aber auch einsam: die Kölner „Wurstbraterei“, wo Ballauf und Schenk nach getaner Arbeit entspannten. © Oliver Berg/dpa

Auch Luther hatte es schon mit der Bratwurst. Was aber ist eine Bratwurstbude und sollte man sie nicht ehren?

Aber was ist die Bratwurstbude für ein Ort? Die Bratwurstbude stand einst an der Ecke, und es ging in den frühen Abendstunden zivilisiert und friedlich zu. Menschen aßen dort still eine Bratwurst. Familien nach dem Einkauf, Verkäuferinnen nach Ladenschluss (18 Uhr!), Studierende vor der Kinovorstellung direkt nebenan, Pensionäre, deren kleine Hunde VOR der Bratwurstbude japsten und keiften (nicht sehr laut). Denn die Bratwurstbude konnte betreten werden, so stand man stets im Trockenen, obwohl es oft regnete. Hätte man die Bratwurstbude nicht betreten können, wäre sie ein Bratwurststand gewesen. Eine Bratwurstbude klingt zwar legerer, aber tatsächlich handelt es sich um die Steigerung eines Bratwurststandes, was Komfort und Angebot betrifft.

Der Ruhm einer Bratwurstbude speiste sich früher vor allem aus der Würzmischung für die Pommes. Längst ist das alles kniffeliger und schicker, aber das ist dann auch nicht das, woran man denkt, wenn man an eine Bratwurstbude denkt. Die Bratwurst an sich wurde praktisch nicht weiter hinterfragt. Hauptsache, es gab Thüringer.

Apropos. Luther, ein Mann, der ebenfalls mit starken und Furore machenden Bildern arbeitete, platzierte seinerseits einen markanten Bratwurstvergleich. Und zwar verglich er Jesus mit einer Bratwurst. Nein, das tat er natürlich nicht, er unterstellte seinem Gegner Zwingli, einen solchen Vergleich in seinem Hinterkopf zu haben. Zwingli, so Luther, denke anscheinend: „wie kann ein leib so hoch sitzen ynn ehren und zugleich hienieden sein, sich lassen schenden und mit henden, maul und bauch gehandelt werden, als were er eine bratwurst.“ Es ging hierbei um das Abendmahl. Luther widersprach (überraschenderweise, wenn man an seinen Zwist mit der Papstkirche und der Eucharistie denkt) Zwinglis Grundidee, dass das Abendmahl lediglich an Jesu Leib denken lasse, dieser Leib aber in keiner Hinsicht in den Vorgang verwickelt sei. Hier wird es subtiler, als es sich über einer Bratwurst besprechen lässt. Hat Deniz Yücel das gemeint? Oder hatte er einfach seine Freude an einem Wort mit vielen Plosiv- und Frikativlauten? Letztlich wird es in einem Limolädchen nicht viel anders sein.

Am schönsten war es all die Jahre an der Kölner „Wurstbraterei“, wo Ballauf und Schenk nach getaner Arbeit entspannten, friedfertig, aber auch einsam. Dann wieder gibt es Rosa von Praunheims Film „Can I Be Your Bratwurst, Please“, in dem es nicht zimperlich zugeht.

Die Bratwurst und die Bude, an der sie erhältlich ist, sind weniger bieder, als viele glauben, die sie pejorativ im Munde führen. Es war schon in der Schule so, dass die, die am meisten über die Spießer schimpften, mit ihrer eigenen Spießigkeit rangen. Verständlich. Auch Deniz Yücel schob übrigens inzwischen nach, dass er nichts gegen Bratwurst habe.

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