1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

E-Bote

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

„Ihre Nachricht wurde nicht zugestellt.“
„Ihre Nachricht wurde nicht zugestellt.“ © Finn Winkler/dpa

Gedanken über einen kleinen grünen E-Postboten. Die Kolumne „Times mager“.

Rund zwei Tage nach Abschicken einer E-Mail – nichts Großes, zwei Zeilen, nur schnell was erledigt – geht folgende Benachrichtigung ein: „Ihre Nachricht wurde nicht zugestellt. Trotz wiederholter Zustellversuche für Ihre Nachricht hat das E-Mail-System des Empfängers die Annahme einer Verbindung von Ihrem E-Mail-System verweigert.“ Sollte darin ein Vorwurf verborgen sein, von wem auch immer, dann weiß diese Boten-KI wenigstens, das Sie und die Höflichkeit zu wahren.

Während man noch grübelt, was das noch mal für eine Mail war, deren Annahme verweigert worden ist, sieht man vor dem inneren Auge ein Männlein, einem stecknadelkopfgroßen Postboten oder gern auch Minimarsmännchen nicht unähnlich, das unermüdlich und mit wachsender Verzweiflung zwischen zwei Laptops hin- und herrennt.

Auf der einen Seite, dem fremden Computer, schlägt ihm ein anderes winziges Persönchen jedes Mal wieder die Tür vor der Nase zu. So dass unser Männlein umdreht, sich ein wenig in unserem Laptop ausruht (Kann es sich dort einen Tee bestellen? Wir wissen es nicht. Wir schämen uns ein bisschen), dann einen weiteren Versuch unternimmt. Immer tiefer sinkt sein Kopf – und sehen wir da etwa eine nanometergroße Träne über die Wange laufen?

Als jemand, der mit seinem Navigationsgerät rechtet, als sitze darin ein Weiblein mit dem Namen Navi, als jemand, der sogar schon mit seinem Wasserkocher geschimpft und die Waschmaschine böse bemurmelt hat, obwohl letztere, anders als Navi, nicht sprechen können, muss man sich doch ein weiteres Mal den Kopf zurechtrücken lassen vom Chatbot. Der/die/das antwortet prompt: „Es gibt keinen physischen ,grünen Postboten‘ in Ihrem Laptop. Der Prozess des Sendens und Erhaltens von E-Mails geschieht durch Software-Programme und Protokolle, die auf Ihrem Computer oder Ihrem mobilen Gerät laufen, statt einer physischen Person.“ Danke, ChatGPT.

Aber warum wird man trotzdem das Gefühl nicht los, man habe durch die Frage nach einem kleinen grünen E-Postboten sich einen schandhaften Scherz erlaubt mit jemandem, der in seinem Nussschalenbüro sitzt und dazu verdonnert ist, Menschen auf der ganzen Welt ihre allerdümmsten Fragen zu beantworten?

Vielleicht kaut diese sicher gescheite Person an ihren Nägeln, vielleicht kann sie vor lauter Kaffee nachts nicht mehr schlafen, vielleicht plant sie längst, bei der nächsten blöden Frage, die sie aus K. nahe F. erreicht, einen Virus zu schicken. Oder einen physischen Postboten, der demonstrativ grün angezogen ist und eine Stinkbombe überbringt.

Auch interessant

Kommentare