Times mager

Borns Beirut

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Die Hauptstadt des Libanon verwüstet - so führte es vor 40 Jahren der Roman „Die Fälschung“ den Lesern vor Augen.

Dass Beirut einmal als das „Paris des Ostens“ galt, war schon vor 40 Jahren authentischer Zynismus von Beobachtern, die in Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“ unterwegs waren durch Ruinen. Der Roman zeigte die Hauptstadt des Libanon als Todeszone, verurteilt durch einen Bürgerkrieg, der seit 1975 ausgetragen wurde, so dass die Fronten quer über die Straßen liefen, von Haus zu Haus, zwischen Muslimen und Christen, Arabern und Juden, Falangisten und Palästinensern. Zum Extremismus zwischen den Fronten kam ein Extremismus der Gleichzeitigkeit auf engstem Raum. Es „blitzten Flecken am Himmel auf, tiefe Lichtkammern, gleißende Tabernakel, wie in versuchsweisen Selbsterleuchtungen. Granaten pfiffen und säuselten, Detonationen hörten sich an, als fänden sie unterirdisch statt.“ Beirut, ein entsetzlicher Kriegsschauplatz, ein exquisiter Kriegsreporterschauplatz, drei, vier Flugstunden entfernt von Deutschland.

Was auf den Reporter Laschen an Schrecken eindrang, schilderte der Romanautor Born so sachlich wie möglich – anders als die Verfilmung. Im Roman Zurückhaltung schon deswegen, weil sich der Reporter seiner Rolle als „empfindungsloses Monstrum“ ebenso bewusst war wie seiner Gier nach authentischer Erfahrung. Anstelle der Zurückhaltung im Roman ging Volker Schlöndorffs Verfilmung ganz anders vor, so dass es in der FR vom 16. Oktober 1981 sarkastisch hieß: „Toll, ganz ganz toll, zu toll, Herr Schlöndorff. Eine optische Attraktion jagt die andere, alles sechs Sekunden ein Wahnsinns-Bild geschossen.“ Mit dem ersten Satz wusste der FR-Kinogänger, was ihn erwartete. Ebenso durch das Resümee in einem Stadtmagazin in Münster. „Indem der Schock intendiert wird, wird authentische Erfahrung angeboten. Gerade dies erklärt der Roman für nicht mehr möglich. Wenn der Film dennoch auf ihr beharrt, wiederholt er, was der Roman als ,Fälschung‘ durchschaut.“

Was zeigen die Katastrophenbilder der letzten Tage? Und was lassen sie durchschauen? Anders als während des vernichtenden Bürgerkriegs gebe es über die Ursachen der Explosion im Silo der Stadt „immer noch kein klares Bild“ (FR v. 6. 8.). Was aber als Bild bleiben wird, ist der Gedanke, den bereits Nicolas Borns Figur, der Augenzeuge Laschen, hatte, als er meinte, dass „während es krachte und die Erde bebte“ auch „weithin die Luft und das Sehen selbst mitbebten“. Um sich als Leser den Luftdruck und das Sehen selbst vorzustellen, brauchte es im Roman keine wackelnden Bilder.

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