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Undiszipliniert und stolz darauf.

Times mager

„72 Jungfrauen“: Boris Johnson verteilt seine Ressentiments so großzügig wie weiträumig

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Donald Trump kann weder richtig lesen noch schreiben. Boris Johnson mag Britain’s Trump sein, tut und beherrscht aber beides. Die Feuilleton-Kolumne.

Die einen glauben, er hat es nur getan um zu beweisen, dass er auch einen Roman schreiben kann. Die anderen schlagen vor, er solle alle existierenden Exemplare (46.000) aufkaufen und vernichten lassen – schon wegen möglicher diplomatischer Verwicklungen. Die dritten verweisen auf sicher nicht ganz zufällige Übereinstimmungen zwischen dem Helden und seinem Autor. 

Beide fahren Rad, haben ihre Frau betrogen und in der Öffentlichkeit über ihre Affäre gelogen. Beide sind linkisch – oder tun so – und neigen zu rhetorischen Ausrutschern. Beide sind undiszipliniert und stolz darauf. Frauen fallen ihnen nur auf, wenn sie große Brüste haben, dazu „gute Zähne und blondes Haar“. Allerdings dürfen sie schon mal aussehen „wie ein Unterwäschemodel“, noch größere Brüste haben und trotzdem „klüger sein“ (klüger als wer?). Dank des „cleverer“, so haben Kritiker bemerkt, sei dieser Satz im Vergleich schon fast feministisch.

Im Vergleich zu wem oder was? Donald Trump, der einem bei „wem“ zuallererst einfällt, hat Boris Johnson, den Autor des 2004 veröffentlichten Thrillers „Seventy-Two Virgins“ (72 Jungfrauen), zu „Britain Trump“ erklärt – und sofort wurde darauf hingewiesen, dass es „Britain’s Trump“ heißen müsse. Allerdings sind Trump Grammatik und Rechtschreibung egal, megaegal. Neben allem anderen. Johnson sind Grammatik und Rechtschreibung nicht egal, schließlich renommiert er gern mit seiner Bildung. Ob ihm alles andere egal ist, wird sich zeigen.

Boris Johnson verteilt seine Ressentiments so großzügig wie weiträumig

In seinem Roman, so meinen manche, die sich an das Buch erinnert und es nun ausgegraben haben, gibt es durchaus Anzeichen dafür, dass Boris Johnson das meiste immer schon herzlich wenig kümmerte. Jedenfalls wenn „das meiste“ sich auf die Wahrheit, das Wohlergehen seiner Landsleute und gute diplomatische Beziehungen bezieht. Seinen Helden Roger Barlow lässt Johnson zwar den amerikanischen Präsidenten vor einem islamistischen Anschlag retten, als der gerade im Parlament in London eine langweilige Rede hält. (Im letzten Augenblick schwingt Barlow eine Statue, mit der gleichen Bewegung, mit der er als Junge „auf der Wiese Disteln geköpft“ hat.)

Aber seine Ressentiments verteilt der Autor Johnson offenbar so großzügig wie weiträumig: Gegen Muslime sowieso, gegen Sierra Leone (??), aber auch Franzosen (man müsse hoffen, schreibt ein Kritiker, dass kein Franzose eines Exemplars habhaft werde, sonst folge womöglich eine Kriegserklärung) und Amerikaner – „gnadenlos anti-amerikanisch“ sei das Buch. Bekanntlich liest Trump nicht, aber sobald er Johnson in einem Atemzug mit Ratten nennt, wird man wissen, dass ihm jemand was gesteckt hat.

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