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Bonbon

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Von: Lisa Berins

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Schon bald ist Weihnachtszeit.
Schon bald ist Weihnachtszeit. © PantherMedia / Christa Eder

Das Schenken ist eine uralte Tradition – und ein Wahnsinn jedes Jahr zur Weihnachtszeit. In Hochglanzpapier gewickeltes Elektronikzeug, Plastikspielwaren, nicht gewünschte Bücher, überteuerte Kosmetika und schnell vergessene Gutscheine.

Viel nutzloses Zeug drücken sich die Menschen gegenseitig in die Hände, selten ist wirklich was Schönes dabei. Man fragt sich: Was soll diese „Tradition“ in unserer heutigen Gesellschaft eigentlich noch bedeuten? Wieso schenken wir, wenn wir den Beschenkten oft gar keine Freude machen? Die Küchenpsychologie sagt: Es geht gar nicht um einen Ausdruck der Menschenliebe, sondern um einen Akt der Eigentumsübertragung mit kalkuliertem Maximalgewinn. Selbstlos sind die Schenkenden keineswegs. Sie erwarten sehr wohl eine Gegenleistung: von potenziellen Kundinnen und Kunden ganz offensichtlich den Abschluss eines Vertrags, von Kindern die Übernahme unbeliebter Aufgaben (dieser fiese Trick mit dem Schuheputzen – als wäre es dem Nikolaus nicht herzlich egal, wo er seinen Süßkram reinsteckt), von den Geliebten Anerkennung – oder zumindest ein geldwertes Gegengeschenk.

Wie nett da dieses kleine Bonbon um die Ecke kommt: ohne großes Tamtam, ohne große Geste, fast beiläufig wird es einem zugesteckt. Vom Verursacher des Autounfalls, in den man verwickelt war, von der flüchtigen Bekanntschaft, die man auf der Messe getroffen hat. Ein kleines, unprätentiöses, süßes Kräuterstück in nicht ganz taufrischem Papier. Es ist fast herzzerreißend bescheiden – ein aus 16 Kalorien bestehendes, um die fünf Gramm wiegendes aufrichtiges Symbol der Aufmerksamkeit. Einige Wochen lang liegt es auf der Kommode im Flur. Was tun mit einem solch seltenen Exemplar? Es wechselt den Platz. Aufs kleine Regal, dann ins Süßigkeitenfach. Wieder raus damit. Gegessen wird das Bonbon auf gar keinen Fall. Eines Tages, ganz unverhofft, taucht es in der Hosentasche auf. Zufällig, beim Besuch einer Bekannten.

Einer inneren Eingebung folgend, wird es auf den dortigen Homeoffice-Schreibtisch platziert. Inmitten eines Arrangements aus Zetteln, Stiften, Fotos, Postkarten, kleinen Andenken. Und dann geschieht es: Das Bonbon fängt an zu strahlen. Mit einem Mal, in dieser Umgebung, ist es Teil einer kunstvollen Inszenierung geworden. Genau hier hat es seine Bestimmung gefunden.

Ein letzter Blick auf die perfekte Komposition, auf das gelb leuchtende Bonbon. Man muss Geliebtes loslassen, gerade zur Weihnachtszeit. Was, wenn nicht das, ist wahre Selbstlosigkeit.

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