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Das Archivbild zeigt das Selbstporträt Böckstiegels, das derzeit Teil der aktuellen Ausstellung „Making van Gogh“ im Frankfurter Städel ist.

Times mager

Böckstiegel

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Er gilt als „westfälischer van Gogh“, doch die Bilder Peter August Böckstiegels blieben für die Kunsthistorie Terra incognita. Die Feuilleton-Kolumne.

Jetzt also sogar Coverman. Sollte ihn das bekannt machen, endlich. Ihm kunsthistorisch Credibility verschaffen, weil er in diesen Tagen auf den Seiten einer Beilage einer überregionalen Zeitung zu sehen ist, sein Kopf, sein Selbstporträt. Ist das, da sich der Bärtige mit hohlen Wangen, offenem Mund vor roten Hintergrund zeigt, der Durchbruch für Peter August Böckstiegel? Auch deswegen, weil er zum Verwechseln ähnlich ist seinem Vorbild Vincent van Gogh, wie jetzt zu sehen im Frankfurter Städel.

Wo einem eine Stimme zuruft: „der westfälische van Gogh“. So heißt es nicht zum ersten Mal und wird es nicht etwa leichtfertig dahingemunkelt oder geraunt. Vielmehr war das die Quintessenz, wenn man vor dreißig Jahren die große Böckstiegel-Retrospektive im Landesmuseum von Münster/Westf. verließ. Und was sollte man sonst noch so sagen, mit der Böckstiegel-Ausstellung im Kopf?

Zunächst, hier, heute, in Hessen, wo Münster und Westfalen Terra incognita sind, dass Münster nicht die Hauptstadt von Spitzbergen ist und Westfalen kein Anrainer von Lappland. In einem Teil des heutigen Doppellandes „NRW“, in Westfalen, ging Böckstiegel, 1889 geboren, seiner Arbeit als Maler nach, als Expressionist in einem alten Bauernland, in einem der industriellen Arbeitswelten. Er hatte eine ganz gute Zeit als Künstler, 1925 kam sein Sohn Vincent auf die Welt.

Die Nazis denunzieren 1933 umgehend auch seine Bilder als „entartet“, sie werden abgehängt, entfernt, der NS-Bildersturm zerstört sie, im Feuersturm von Dresden gehen sein Atelier und Dutzende Werke in Flammen auf. Böckstiegel stirbt 1951.

Die Frage (siehe oben) lautete, was ging einem 1989, zum 100. Geburtstag Böckstiegels durch den Kopf, als man die Retrospektive verließ, darin ein Westfalen der wogenden Felder, der gedrungenen Häuser, der lodernden Farben, der roten Erde, der geduckten Gestalten – der großen Gefühle. Ins Rundfunkstudio ging man mit dem Satz: „In Nachschlagewerken ist sein Name nicht verzeichnet.“ Böckstiegels Bilder blieben für die Kunsthistorie Terra incognita, was auch deswegen erstaunlich ist, bis heute, da die münstersche Retrospektive bereits eine in einer längeren Reihe von Schauen war über den, ja, „westfälischen van Gogh“.

So nagelte 1989 der Nadeldrucker des Schneider Joyce aufs Din-A-4-Blatt, so dass das Wort vom Südwestfunk, Baden-Baden, aus über den Äther ging. Was immer sich unmittelbar versendete – kaum der schon vor dreißig Jahren jahrzehntealte Gedanke des Verwandten und Malerfreundes Conrad Felixmüller, auf beklemmende Weise mehrdeutig bis heute: „Böckstiegel blieb immer in seiner Welt.“

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