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Bodenhaftung

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Von: Thomas Stillbauer

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Acht Prozent aller Verkehrsunfälle werden durch „schlechtes Wetter“ ausgelöst.
Acht Prozent aller Verkehrsunfälle werden durch „schlechtes Wetter“ ausgelöst. © rtr

Nun, wir sind nicht blauäugig. Natürlich dient der Hinweis auf die Gefahren menschlichen Versagens dazu, uns von der Notwendigkeit automatischer Autos zu überzeugen.

Menschliches Versagen – eines der ungelösten Probleme unserer Zeit, wenn nicht sogar das ungelösteste. Bezeichnend: Praktisch immer sind Menschen daran beteiligt.

Wie wir wissen, käme die Welt gut ohne uns aus; sie hat das ja eine geraume Weile so gehandhabt. Hier und da mal eine Eiszeit oder Sintflut eingestreut, ansonsten These, Antithese, Fotosynthese, so kugelte man froh durchs Präkambrium und bis ins Quartär. Dass sich die Welt bei Bedarf durchaus lästiger Bewohner entledigt (Dinosaurier), sollte uns als Warnung dienen. Ursache kann eigentlich nur dinosaurisches Versagen gewesen sein.

Hintergrund dieser faustkeilscharfen Analyse ist eine Meldung, die kürzlich das Zweite Deutsche Fernsehen verbreitete: Menschliches Versagen sei der häufigste Auslöser von Verkehrsunfällen, 90 Prozent aller Zusammenstöße auf unseren Straßen ließen sich darauf zurückführen. Zu lediglich acht Prozent sei die Unfallursache „schlechtes Wetter“ gewesen. (Die übrigen zwei Prozent muss irgendwie der Wind verweht haben.)

Unsere Theorie vorausgesetzt, dass der Homo sapiens in Wahrheit ein Dummbeutel ist, verblüffen weniger die 90 Prozent menschliches Versagen, sondern vielmehr die acht Prozent Wetter. Ein Tornado in der amerikanischen Prärie, okay. Hochwasser in Südostasien, klar. Aber wie muss man sich das vorstellen, dass das Wetter bei uns in Heringsdorf, Frankfurt, Linsengericht oder Nonnenhorn einen Unfall verursacht? „Oh je, Herr Wachtmeister, plötzlich kam mir schlechtes Wetter entgegen, ich konnte ihm nicht mehr ausweichen“?

Oder: „Tut mir echt leid, ich fuhr ganz normal mit 235 km/h die Straße entlang. Schuld an dem Unfall muss dieser Starkregen gewesen sein, ich schwör“? Oder: „Hätte ich geahnt, dass bei minus zwölf Grad und Schneesturm die Bodenhaftung leidet, wäre ich natürlich nie im sechsten Gang in die Kurve gefahren“?

Nun, wir sind nicht blauäugig. Jedenfalls nicht alle. Natürlich dient der Hinweis auf die Gefahren menschlichen Versagens einzig dazu, uns von der Notwendigkeit automatischer Autos zu überzeugen, die auch ohne Menschen fahren. Ziel ist, dass irgendwann nicht mal mehr ein Mensch drinsitzen muss, um zu überwachen, ob das Auto wirklich alles allein kann. Wir sollen lernen, unseren Autos zu vertrauen. Autos sind die besseren Menschen.

Aber wenn es stimmt, dass das Wetter in Deutschland jeden zwölfkommafünften Unfall verursacht, dann muss doch endlich jemand etwas gegen das Wetter unternehmen. Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand.

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