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Der Bandbus fuhr weiter, der Trommler war noch shoppen.

Times mager

Blasé

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Manche vergessen ihre Familienangehörigen. Andere auch mal ihren Drummer. Aber warum ruft der nicht an?

Vergessene Familienangehörige, versehentlich zurückgelassene Freunde. Auch schlimm.

Dauernd liest man von Männern, die an Autobahnraststätten in ihren Wagen steigen und weiterfahren, ohne dass ihnen das Abhandensein ihrer Gattin aufgefallen wäre. Unlängst rauschte ein Elternpaar nach einer Toilettenpause davon, und ihre beiden Kinder: hänselundgretelmäßig im Forst. Gut, die Kleinen hatten sich vormals im hinteren Teil des Wohnmobils aufgehalten, sodass Mama und Papa ihr Fehlen nicht zwangsläufig bemerkt haben mussten. Aber erzählen Sie das mal der Hexe im Knusperhaus.

In diesem Kontext schlenderte Stuart Murdoch, der Sänger der schottischen Twee-Pop-Band Belle and Sebastian, jüngst aus einem Walmart in Dickinson, North Dakota, USA, heraus und traf seinen Schlagzeuger Richard Colburn, der ihm entgegenkam. (Twee-Pop: hübsche, simple Melodien.) Die Musiker hatten ein Päuschen eingelegt auf dem Weg nach St. Paul in Minnesota. Eine Reise von acht bis zehn Stunden, wenn man Glück hat. Momentan sind da sechs Baustellen und eine Zeitzone zu überwinden.

Jeder habe ja ein Telefon

Murdoch und Colburn jedenfalls grüßten einander am Ladeneingang grinsend. „Das war das letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben“, würde der Sänger später in einem Radiointerview raunen. Es geschah mitten in der Nacht, das kennt man ja von US-Supermärkten, dass sie 24/7 offen sind, und die Bandmitglieder, sofern sie aus dem Walmart herauskamen, legten sich schlafen. Der Bandbus fuhr weiter, der Trommler war noch shoppen.

Am nächsten Tag will dann nie einer schuld sein. Jeder habe doch heutzutage ein Mobiltelefon, findet Murdoch, gibt aber auch zu, dass man darob schon „a little bit blasé“ geworden sei, wie es auf gut Schottisch-Französisch so schön heißt: Man passe nicht mehr so genau aufeinander auf, denn: Jeder habe ja ein Telefon. Schlagzeuger Colburn hatte nur seine Kreditkarte. Immerhin. Damit konnte er ein Hotelzimmer nehmen und sich aufs Ohr hauen, auch wenn ungeklärt war, wie er tags darauf zum Auftritt nach St. Paul kommen sollte, über sechs Baustellen hinweg. Und eine Zeitzone.

Um Sie nicht länger zu quälen: Es hat geklappt, einem Freiwilligen sei Dank, der Colburn zum Flugplatz chauffierte. Bleibt die Schmach, den Drummer vergessen zu haben. Unter Kumpels. „In einer Band unserer Größe ist es, als müsstest du Katzen hüten“, vergleicht Sänger Murdoch. Wobei, sieben Leute, also na ja.

Die Radiomoderatorin fragt abschließend, ob die Twee-Popper mal daran gedacht hätten, sich Mikrochips implantieren zu lassen. Darüber habe man schon gesprochen, sagt Murdoch.

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