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Birkhuhn

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Von: Lisa Berins

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Wenn überhaupt, dann machen wir von unserer Freiheit Gebrauch, selbst zu bestimmen, was oder wem wir zum Opfer fallen.
Wenn überhaupt, dann machen wir von unserer Freiheit Gebrauch, selbst zu bestimmen, was oder wem wir zum Opfer fallen. © Uwe Zucchi/dpa

Bei einer Wanderung geraten wir in ein Jagdrevier. Aber wer ist hier bitte die Beute? Und wer sind die Jäger?

Ein weiterer Schritt könnte den Tod bedeuten. Ein Schuss durch den orange leuchtenden Wanderrucksack, mitten ins Herz – und das war’s. Hinter dem rot-weiß gestreiften Absperrband mit der Aufschrift „Heute Jagd – Betreten verboten – Lebensgefahr“ führt der Weg eine matschige Weide hinauf zur nächsten Etappe der Rundwandertour. Die Frage steht in der Bergluft: einen nicht kleinen Umweg der ohnehin viel zu ambitionierten, viel zu lang geplanten Wanderung in Kauf nehmen, oder hoffen, dass der Jagdtermin – wie auf dem am Holzpfahl angenagelten Infozettel angegeben – tatsächlich schon gestern war. Und den Schritt wagen …

Man hat es ja ohnehin schon geahnt, dass man in ein fremdes Revier eingedrungen ist. Und dass es hier um weitaus mehr geht, als um die Sicherung des letzten Birkhuhnvorkommens in der Region. Jemand Irres läuft in der Gegend herum und treibt sein Unwesen. Wildert mit einem schwarzen Edding im Anschlag, mit dem er Botschaften in altmodischer Grundschul-Schreibschrift abfeuert. Die potenzielle Beute: Meinungsfreiheit und Demokratie. Und der Wilderer oder die Wildererin ist ausdauernd. Beschmiert Bänke, Infotafeln, Parkuhren. Pappt eigens bekritzelte Aufkleber an Sehenswürdigkeiten mit querdenkerischen, impfgegnerischen, coronaleugnerischen, verschwörungsideologischen, rechtsradikalen Botschaften. Q-Anon-Tags, Lügenpresse-Vorwürfe, Maskenverweigerungs-Formeln und Links zur Website eines bekannten und von Youtube gesperrten Rechtsextremisten, Antisemiten und Holocaustleugners – das alles im Unesco-Biosphärenreservat.

Man kann es ja fast nachvollziehen: Vielleicht ist’s einfach zu wenig nachhaltig geworden, kurzlebige Schwurbel-Posts auf Facebook und Telegram durch das digitale Universum zu schicken. Also lieber die konservierende, analoge Realität eines Naturreservats damit zuspammen. Ob der Hass im Bioklima besser wirken kann? Ob die Botschaften in umweltgeschützter Sphäre besser in den Köpfen gedeihen können? Sich dort einfach langlebiger, ökologischer werben lässt? Ob Wandernde eine besonders begehrte Zielgruppe der Jägerin/des Jägers sind? Und: Welche Komplizenschaft verbindet Wandernde und Jagende miteinander, dass dieser gefährliche Unsinn so einfach überall stehen darf?

Natürlich; wir machen uns nicht zum Opfer. Auf keinen Fall. Wenn überhaupt, dann machen wir von unserer Freiheit Gebrauch, selbst zu bestimmen, was oder wem wir zum Opfer fallen. Im Forstamt geht niemand ans Telefon; die Birkhuhn-Retterinnen und -Retter sind im Feierabend. Also dann. Absperrband hoch und entschiedenen Schrittes voran.

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