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Bio

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Von: Stephan Hebel

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Sind sie nun bio oder was?
Sind sie nun bio oder was? © Patrick Pleul/dpa

Was genau ist jetzt noch gleich Biofleisch? Eine kleine Idylle aus der Marktwirtschaft.

Früher war das so: Zwischen sattgrünen Bäumen sprangen süße Rehlein, milde beäugt von riesigen Hirschen mit mächtigen Geweihen, und knabberten an den Früchten des Waldes. Ihren Durst stillten sie mit kristallklarem Wasser aus lustig plätschernden Bächlein, die sich aus sprudelnden Quellen speisten. Nur wenn der Jägersmann kam, wurde es ernst: ein Knall, und Bambi war tot, oder der stolze Hirsch lag, sozusagen Fleisch geworden, am Boden. Aber auch das gehörte zum ewigen Kreislauf der Natur, Knarre hin oder her.

Wie verzweifelt sehnen wir uns manchmal zurück in diese friedliche Idylle, auch wenn sie, egal, nie eine war. Jetzt, da es nicht nur im Walde viel zu viel knallt, das Rehlein besorgt die letzten Früchte einer sterbenden Eiche zusammenklaubt und die letzten Tropfen aus dem versiegenden Bächlein leckt, wird die Suche nach dem Reinen, Gesunden, Beruhigenden zum längst monetarisierten Trend.

Kürzlich allerdings tauchte in einer Quizsendung mal wieder die Frage auf, ob Fleisch von frei lebendem Wild „bio“ sei beziehungsweise so genannt werden dürfe. Die traurige Nachricht: Wild, wenn es wild lebt, ist nicht bio. Wild, wenn es nicht wild lebt, also im Gehege, kann bio sein, wenn es selbst bio frisst. Offenbar geht der EU-Verordnungsgeber davon aus, dass das wilde Wild verordnungswidrig irgendwelche unökologische Nahrung (Kronkorken? Wanderschuhsohlen?) zu sich nimmt, die dem nicht wilden Wild im Gehege gar nicht zugänglich ist, vorausgesetzt, das fütternde Publikum hält sich an die Warnhinweise.

Die von einem Quiz-Zuschauenden eingeworfene Frage, ob dann Wildfleisch wenigstens vegan sei, weil das wilde Wild ja wohl nur Pflanzen fresse, lassen wir hier als unnötige Provokation wohlmeinender Veganer und -innen beiseite. Wir widmen uns stattdessen dem Wasser.

Früher war Wasser, das aus der Quelle kam, Quellwasser. Angereichert mit den Mineralien der Erde wurde es in Flaschen gefüllt und als das verkauft, was es war: Wasser. Die Älteren unter uns können versichern: Da war auch damals nichts Tierisches beigemischt, kein Regenwürmchen, keine Milch, nichts Unbiologisches, es war einfach Wasser!

Aber plötzlich ist das Wasser nicht mehr nur Wasser. Wie aus dem Nichts hat jemand „vegan“ auf das Etikett gedruckt, „bio“ manchmal auch. Jetzt fragt sich: Geht es den Veganern und -innen besser, wenn sie beim Trinken eine firmenamtliche Bestätigung der Tierproduktlosigkeit von Wasser in Händen halten? Oder geht es nur denen besser, die das natürlichste Gut der Welt zum Gegenstand der Vermarktung gemacht haben? So idyllisch kann Marktwirtschaft sein.

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