Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auf dem Markusplatz in Venedig: Nur weil die Kamera ein fotografisches Gedächtnis hat, hat man nicht selbst eines.
+
Auf dem Markusplatz in Venedig: Nur weil die Kamera ein fotografisches Gedächtnis hat, hat man nicht selbst eines.

Times mager

Bildchen

"Wer malt mir dies süße, schimmernde Blau": Mörike hielt Erinnerungen einst via Gedicht und Zeichenstift fest. Heute nimmt man das Handy.

In der Tat war die abwechslungsreiche Garderobe von Sylva Varescu hinreißend, auch sie selbst war es natürlich. Dennoch ist zu hoffen, dass die Fotos der Dame, die die Stirn hatte, mit ihrem Smartphone zu hantieren, während Hingabe das Gebot der Stunde war, missglückten. Dies ist anzunehmen. Smartphoneaufnahmen im Konzertsaal sind zum Scheitern verurteilt, moralisch ohnehin, aber auch aus Gründen der verbreiteten technischen Unzulänglichkeit von Mensch und Apparat. Ein Fluch liegt übrigens auf jenen, die es dennoch versuchen.

Abgesehen davon, dass längst erwiesen ist, dass ständiges Fotografieren das eigene, im Hirn eingelassene Erinnerungsvermögen auszuschalten droht. Eine sehr gut Deutsch sprechende Reiseleiterin in Venedig flehte ihre Gruppe regelrecht an, angesichts des Markusdoms doch kurz zu schauen, bevor man mit dem Fotografieren beginne. Es ist sozusagen fatal zu meinen, man hätte jetzt ein fotografisches Gedächtnis, bloß weil die Maschine eines hat.

Es ist aber auch ein Irrtum zu meinen, das sei ein Problem des derzeit allermodernsten Zeitalters. Der seinerseits recht altertümliche Vorgang des Vorlesens am Kamin brachte soeben Eduard Mörikes Gedicht „Verzicht“ zutage (dieses eine Mal wirklich, weil die „Hundert Gedichte“ aus dem Aufbau Verlag es so wollten, nicht weil gerechter Zorn den Googlesuchvorgang einleitete).

Bleistift nahm er mit

Es lautet wie folgt: „Bleistift nahmen wir mit und Zeichenpapier und das Reißbrett; / Aber wie schön ist der Tag! und wir verdürben ihn so? / Beinah dächt ich, wir ließen es gar, wir schaun und genießen! / Wenig verliert ihr, und nichts wahrlich verlieret die Kunst. / Hätt ich auch endlich mein Blatt vom Gasthaus an und der Kirche / Bis zur Mühle herab fertiggekritzelt – was ist’s? / Hinter den licht durchbrochenen Turm, wer malt mir dies süße, / Schimmernde Blau, und wer rundum das warme Gebirg? / – Nein! Wo ich künftig auch sei, fürwahr mit geschlossenen Augen / Seh ich dies Ganze vor mir, wie es kein Bildchen uns gibt.“

Bitte führen Sie sich vor Augen, dass Mörike immerhin davon spricht, eigenhändig eine Zeichnung zu verfertigen. Allerdings schreibt er zur Sicherheit und Gedächtnisstütze nun rasch ein Gedicht. Und auch die Zeitgenossin, zu unfähig zur Kunst, zu snobistisch zum Fotografieren, ist dem Onkel für die gelegentliche Zusendung fotografischer Aufnahmen aus dem Verwandtenkreis dankbar. Es ist der Onkel mit dem neulich erwähnten Füllfederhalter, ja, genau. Eine konservative Grundhaltung wird in diesem Zusammenhang vor eine kleine Zerreißprobe gestellt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare