+
Ein Kunstwerk, verteilt auf 200 bis 300 Ziffernblätter - dagegen wehrte sich der dänische Künstler Tal R.

Times mager

Beziffern

  • schließen

Ein Gericht hatte jetzt darüber zu entscheiden, ob ein Gemälde zerschnippelt werden darf.

Die Verletzlichkeit von Kunstobjekten, die sich problemlos anzünden, aufweichen, ausbeulen, ausradieren, falten, pulverisieren, schreddern, überkrakeln, überpinseln, zerbrechen, zerknüllen, zerreißen, zersägen oder eben auch zerschneiden lassen, liegt auf der Hand. Allerdings ist bemerkenswert, wie viel noch da ist. Wer mit Kunstobjekten seinen Lebensunterhalt bestreitet, hat außerdem keine Wahl, als die Stücke an Fremde zu geben. Wer das Kunstobjekt hingegen rechtmäßig erwirbt, hat eine Menge Auswahl.

Dass diese Menge nicht unendlich ist, zeigt sich soeben im Fall Tal R vs. Dann Thorleifsson und Arne Leivsgard. Der dänische Künstler hat sich vor einem Kopenhagener Gericht erfolgreich dagegen gewehrt, dass das färöische Duo, Gründer und Inhaber einer Uhrenfirma, eines seiner Gemälde zerschneidet und auf eine beträchtliche Zahl von Zifferblättern verteilt. Das dafür ausgesuchte Bild, erstanden für umgerechnet fast 82 000 Euro, sollte, heißt es, für 200 bis 300 Uhren reichen, was bei einem angepeilten Preis von je 1300 Euro eine solide Gewinnspanne bedeutet hätte. 

Das Bild heißt „Paris Chic“ und zeigt einen stilisierten Sexladen, in dessen Schaufenster man ferner dünne Frauen an Poledance-Stangen sehen kann. Insgesamt ist das Bild recht gestreift und kariert, so dass sich gut vorstellen lässt, wie farbenfroh die Uhren wären, aber auch was für eine Rolle das ursprüngliche, dann gewiss nicht mehr zu erkennende Motiv aus Sicht potenzieller Käufer gespielt hätte.

Arne Leivsgard, Uhren-Hersteller, vor dem Kunstwerk von Tal R.

Jedoch wurde dies kein Fall für die Geschmackspolizei, und vor Gericht obsiegte Tal R nun auch nicht, weil sein Gemälde dadurch zerstört, sondern weil es dadurch eben nicht zerstört worden wäre. Sondern verändert. Als Dann Thorleifsson und Arne Leivsgard begriffen, was die Justiz ihnen vorwarf, machten sie verständlicherweise darauf aufmerksam, dass das Bild de facto aber doch restlos verschwunden wäre. 

Das Gericht aber, pfiffig, konterte: Das Unternehmen bestehe darin, das Bild zwar verschwinden zu lassen, aber Hunderten Käufern und Tausenden Schaulustigen im Gegenteil den Eindruck zu vermitteln, dass sie „Paris Chic“ von Tal R am Handgelenk tragen bzw. am Handgelenk eines anderen beneiden können. Das ist der Stand der Dinge, Thorleifsson und Leivsgard haben die juristischen Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft.

Ohnehin bleiben für all jene, die sich für den Fall einer entsprechenden Gemütslage ein erschwingliches Gemälde beiseitegelegt haben, viele Möglichkeiten übrig. Wir wollen hier darum nicht schließen, ohne darauf hinzuweisen, dass wir Gewalt gegen wehrlose Kunst per se für verwerflich halten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion