Das Männlein in der Kathedrale des spanischen Santiago de Compostela ist zweifellos ein echter Kerl.
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Das Männlein in der Kathedrale des spanischen Santiago de Compostela ist zweifellos ein echter Kerl.

Times mager

Beweise

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Waren wirklich wir das einst, in diesem Pulli, mit dieser Frisur? Von Überraschungen beim Ansehen alter Fotografien.

Da die Sehnsucht so groß ist, bemerkt und nicht vergessen zu werden, erstaunt auch die Geschichte von dem Männlein als Säulenkapitell, das jetzt erst nach 900, neunhundert, Jahren in der Kathedrale des spanischen Santiago de Compostela entdeckt wurde. Ein keckes Gesicht, bisschen halslos, weil der Druck von oben immens ist. Das Männlein ist zweifellos ein echter Kerl und in den besten Jahren, aber die menschengemachte Umgebung ist zu gewaltig, um als Mensch nicht niedlich zu werden.

Das Kerlchen befindet sich weit oben an einer uneinsehbaren Stelle. Das sei gar nicht so selten, betont die findige Forscherin im Gespräch mit der britischen Zeitung „Guardian“, Steinmetze hätten sich auf diese Weise verewigt: ein Graffito, ein Selfie, hergestellt für die Ewigkeit oder vielleicht noch für Kollegen.

Außerdem fiel die Meldung zusammen mit Dateien von Fotografien und Filmen, die ein ehemaliger Mitschüler schickte (endlich einmal ein Mensch, der aus Zuhausebleiben und Kurzarbeit etwas gemacht hat: 5000 bis 6000 Fotos digitalisiert). Auf den Bildern 15-, 16-Jährige, und nicht nur soll man eine davon selbst gewesen sein, sondern auch die anderen gekannt und mit ihnen diese Orte besucht haben. Ohne Fotobeweis: nein, garantiert nicht. Nur Pullis und Eistüten, Frisuren und Autos sind so vertraut, als wäre es gestern gewesen.

Beim wiederholten Anschauen tauchen ein paar Namen auf. Sabine E., Angelika W., Christian W., Thomas M., und die einmalige Daphne M. ist dann sogar aus der Ferne zu erkennen. Herr N., der uns greisenhaft erschien, ist vielleicht Ende, eher Mitte 50, na ja. Im Bus scheint heimlich geraucht zu werden, das gibt es doch nicht. Kaum eines der Bilder – nur ein paar Jungen, die so tun, als würden sie einander gleich erwürgen – gleicht einem Selfie. Die Vorstellung, was das ist, scheint nach dem Mittelalter vorerst verloren gegangen zu sein. Der Fotograf, er soll hochleben, knipst in die Menge. Wer ihn bemerkt, ist aber selten begeistert.

Was sollen wir daraus schließen, außer dass es gut gewesen wäre, mehr zu fotografieren. Überhaupt zu fotografieren. Und nicht nur fremde Gegenden, sondern vor allem die Leute, die Sachen. Beim Aufbewahren scharf darüber nachzudenken, wie man in ein paar Jahrzehnten wieder drankommt.

Die eigene Vergangenheit ist ohne unser Wissen zum unbekannten Gelände geworden. Nicht immer taucht Sven A. auf und hat alles zur Hand. Schon gar nicht klettert immer eine fleißige englische Wissenschaftlerin so lange zwischen den Säulen herum, bis sie jeden gefunden hat.

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