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Bewegung

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Von: Judith von Sternburg

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US-Schauspieler William Hurt.
US-Schauspieler William Hurt ist. © Andrew Kelly/dpa

Wie sieht Musik aus? William Hurt tanzt Bach.

Auch wer nicht tanzen kann und will, sucht beim Anhören von Musik unter Umständen einen körperlichen Ausdruck für das, was ihm beim Hören widerfährt. Denn es ist sehr groß. Auf der einen Seite ist es ein Erlebnis eigener Art, das vollständig nach innen zu verlegen und im Konzert nicht einmal mit dem Fuß zu wippen. Andererseits ist es auch Mist. Längst hat die Musiktheaterregie das Discotanzpotenzial von Barockmusik entdeckt. Nur der Privatmensch schaut ein bisschen dumm dabei aus, wenn er sich dabei zufällig im Spiegel sieht. Denn das Sichtbare ist natürlich ein Witz gegen das, was passiert.

Am Montagabend kam das Thema darauf, weil William Hurt in „Gottes vergessene Kinder“ in einer solchen Situation zu erleben ist. Im Grunde die einzige Szene des damals hochgeschätzten Films, die sich in der Erinnerung festgesetzt hat. Es hat lange gedauert, sie wiederzufinden, sie ist ganz kurz. Der smarte Lehrer, der sich inzwischen weitgehend in die gehörlose Ex-Schülerin und Schulputzkraft verliebt hat, will trotzdem ein wenig Bach hören. Er legt das Doppelkonzert für Violinen in d-moll auf, den Anfang des Largos. Es macht ihm ohne sie keine Freude, sie aber, sehr cool, will, dass er ihr zeigt, wie es sich anhört. William Hurt, inzwischen wie von ungefähr ohne sein T-Shirt, zieht die Schultern an, dreht und hebt die Arme ein wenig, zeigt zum Himmel, faltet die Hände zu einer Art Blume.

Es ist ein Sich-Winden, aber weniger aus Verlegenheit, sondern weil Bachscher Kontrapunkt es so verlangt. Und weil ein Lehrer kein Tänzer ist. Bald gibt er auf. Obwohl er sich gescheitert fühlt, ist es eine Szene, die beim Wiedersehen erstaunt, aber nicht enttäuscht.

Die gehörlose Schauspielerin Marlee Matlin, mit der William Hurt anschließend zwei Jahre zusammenlebte, warf ihm später massive Tätlichkeiten vor. Auch ansonsten interferierte einiges mit der Schönheit des Moments. Offen blieb am Montagabend weiterhin die Frage, ob William Hurt nun ein gut aussehender oder ein langweilig aussehender Mann ist (dass Ersteres stimmt, ließ nicht alle von ihrem Irrtum Abstand nehmen). Im Verlaufe der Nacht schob sich dann ohnehin die russische Heldin Marina Owsjannikowa ins Bild und gab allen Gedanken eine andere Richtung.

Klar blieb aber: Mag das Sichtbare gering sein gegen das, was passiert, so hat es doch eine Größe. Und manchmal ist es auch überhaupt nicht gering, sondern alles, was ein Mensch überhaupt tun kann.

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