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Bettwurst

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Von: Sandra Danicke

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Wer braucht denn nicht ab und an eine Umarmung?
Wer braucht denn nicht ab und an eine Umarmung? © Alejandro Martínez Vélez/dpa

Was kann man tun, wenn man niemanden hat, der einen umarmt? Man könnte sich vorübergehend zwei Sofakissen unter die Arme klemmen.

In diesen Tagen möchte man hin und wieder umarmt werden. Wortlos, einfach nur gedrückt. Das ist in den vergangenen zwei Jahren selten geworden. Manchmal hatte man fast schon vergessen wie das ist: Ein warmer Körper, der sich an den eigenen schmiegt. Der einen hält und Sicherheit gibt. Die eine oder der andere mag nun denken: Woher soll ich einen solchen Körper nehmen? Wenn kein Partner, keine Partnerin zur Stelle ist. Wenn der Sohn in einem Alter ist, in der er die Eltern nur mit einem gewissen Sicherheitsabstand erträgt und die beste Freundin sich seit Wochen in Quarantäne befindet, weil von ihren drei Kindern eines nach dem anderen krank wurde.

Schwierig.

Ob es mit einer Skulptur klappt? Nein, sagen Sie? Moment, warten Sie doch erstmal ab. Sie sollen doch keine Skulpturen im Museum umarmen; das ist in der Regel gar nicht erlaubt. Nein, die Skulptur soll Sie umarmen.

Anders angefangen: Wo haben Sie sich in den vergangenen Monaten am wohlsten und sichersten aufgehoben gefühlt? Im Bett? Auf dem Sofa? Und wie wäre es, wenn das Kuschelplumeau oder die Couch Sie auf Schritt und Tritt begleitete? Klingt schön, aber umständlich, richtig. Allein schon wegen des Gewichts.

Die koreanische Designerin Myung Eun Cha hat Kleidung entworfen, die ihre Trägerinnen und Träger wohlig umfängt. Dick gepolsterte Westen, weich ausgestopfte Röcke – alles so auffällig und abstrus ausgeformt, dass man darin nicht etwa aussieht, als habe man ein paar Pfund zugenommen, sondern so umwerfend wie eine exzentrisch geformte Skulptur.

Apropos umwerfend: Würfe einen jemand um, man fiele weich und bequem. Ginge man damit in eine Straßenbahn, ergäbe sich der derzeit gebotene Abstand von selbst. Wichtig wäre allerdings, dass man sich selbstbewusst in diesen Outfits bewegt. Unsicher und mit ungewaschenen Haaren sieht man darin vermutlich aus, als trage man zwei Sofakissen unter den Armen und eine Bettwurst um den Nacken. Andererseits kann man mit einem forschen Auftreten und der in Modesendungen so gern geforderten „Attitude“ natürlich genauso gut tatsächlich die Bettwurst nehmen, wahlweise einige von diesen Dackeln, die man gegen Zugluft vor die Türritze legt. Wichtig ist ja, dass man sich damit stark, unverletzbar und für die Widrigkeiten des Alltags gewappnet fühlt.

Jetzt sagen Sie natürlich: Warum kann ich dann nicht einfach auf der Couch liegenbleiben? Ganz einfach: Sie müssen unter Menschen. Allein schon, um hoffentlich auf den- oder diejenige zu treffen, die sie umarmt, wenn es mit der Bettwurst nicht mehr getan ist. Alleine geht es ja auch nicht ewig.

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