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Ob der Pudel den Geist so überhaupt sehen kann?

Times mager

Beschwörung

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Damals, als Séancen noch eine völlig normale Freizeitgestaltung darstellten.

Eine Angelegenheit, die später nicht mehr einfach zu vermitteln ist – zu weit weg, zu eigenartig, sogar zu unmöglich –, sind die Séancen, die für die Großmutter und deren begabte ältere Schwester noch eine selbstverständliche Belebung der abendlichen Freizeit darstellten. Überhaupt der Freizeit. Der Großmutter zufolge zischten dabei die Gegenstände auch zum Nachmittagstee nur so durch die Gegend. Mindere Geister äußerten sich durch entsprechend angebotene Buchstaben konfus. Minder, ein problematisches Wort, mit dem die Großmutter allerdings nicht mehr sagen wollte, als dass es weder Stendhal noch Goethe waren, die hier Wörter buchstabierten oder wenigstens ein Ja oder Nein ansteuerten. Legendär jener Abend, an dem der damalige schwarze Familienpudel Falki dermaßen in eine Ecke hinter der Wohnzimmertür gebellt haben soll, dass dieser Ecke in besonders finsteren Nächten bis heute eine gespenstische Note anhaftet.

Jedenfalls zeigte sich viel später in der einzigen gemeinsamen Sitzung mit den jungen Enkelkindern, dass das Glas tatsächlich flitzte, wie gezogen mit einiger Gewalt, und keine der anwesenden Personen kann hierzu etwas beigetragen haben. Es gibt also mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumt, und hierbei könnte man es bewenden lassen, wenn es in Thomas Manns „Zauberberg“ nicht das späte Kapitel „Fragwürdigstes“ gäbe. Verhalten nimmt Hans Castorp seinerseits an einer Sitzung teil. Frau Stöhr hat Grund, Hi und Hu zu rufen (weil das Licht erlischt, nein, ausgeknipst wird, aber nicht von Geisterhand), jedoch ersteht nachher aus den Krämpfen des Mediums allen Ernstes eine veritable Erscheinung. Hans Castorp ist verstört, entsetzt. Sein Schöpfer stellte die Fragwürdigkeit des Fragwürdigsten auch an anderer Stelle zumindest in Frage.

Als anregend, ja zündend erweist es sich im „Zauberberg“-Kapitel, Schallplatten zu spielen. Zwischen einigem „Allotria“ findet sich glücklich das falsch einsortierte „Gebet des Valentin“ („keck, fromm und französisch“, heißt es in „Fragwürdigstes“) aus Charles Gounods „Faust“, der damals in Deutschland noch „Margarethe“ hieß. Dies war nicht dem Respekt gegenüber der interessanten Frauenfigur geschuldet, sondern der Tatsache, dass eine französische Oper und das deutscheste aller deutschen Stücke nicht denselben Titel tragen konnten.

Denn nach den Dingen zwischen Himmel und Erde kann man in wenigen Zeilen auf die Dinge zwischen Deutschland und Frankreich kommen und darüber staunen, wie auch sie sich in Luft aufgelöst haben. Nichts scheint auf dieser Welt wirklich von Dauer zu sein außer den Brexitverhandlungen und der Unfertigkeit des BER.

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