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Kinder, holt doch mal bitte ein paar Kilo Watt.

Ostfriesland

Bensersiel

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Wenn dem Ostfriesen der Strom ausgeht, holt er sich vom Strand ein paar Kilo Watt.

Frage: Was brauchen Ostfriesen, um illegal eine zwei Kilometer lange Straße auf fremdem Boden und durch ein Naturschutzgebiet zu bauen? Antwort: 8,5 Millionen Euro.

Ist nicht witzig? Stimmt, nicht wirklich. Der klassische Ostfriesenwitz geht ja auch anders. Er wurde angeblich in den 1960er Jahren am Westersteder Gymnasium im Ammerland erfunden. Maßgeblich beteiligt soll damals laut Wikipedia ein Pennäler namens Borwin Bandelow gewesen sein, der, verstehe das, wer will, später zu einem bedeutenden ammerländischen und deutschen Experten für Angststörungen werden sollte. Damals in Westerstede, das natürlich nicht zu Ostfriesland gehört, aber gefährlich nah dran liegt, verfasste er in der Schülerzeitung „Der Trompeter“ unter der Rubrik „Aus Lehre und Forschung“ flachsinnige Gedanken über den benachbarten „Homo ostfriesiensis“.

Und damit begann angeblich alles. All diese Witze mit den flachen Hinterköpfen durch beim Trinken heruntergefallene Klodeckel. Mit dem Mistwagen vor dem Hochzeitszug, der die Fliegen von der Braut ablenken soll und der ostfriesischen U-Boot-Flotte, die komplett unterging am Tag der offenen Tür. Etwas schlicht, gerne auch derb, der Ostfriese in der Regel ein dümmlicher Tropf. Jahrzehntelang hat dieser Witz fantastisch funktioniert. Dann wurde auch Otto Waalkes immer älter und die Nachfolgerwitze drängelten sich vor, die Häschenwitze, Mantawitze, Blondinenwitze, Polenwitze, Kelly-Family-Witze.

Ach ja, die Straße. Fast vergessen. Sie umgeht Bensersiel, 231 Einwohner, ein Meter über dem Meeresspiegel, hübsch, Nordseeheilbad, Fähre nach Langeoog. Sie musste gesperrt werden. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte nach jahrelangem Streit entschieden: Die Straße ist illegal gebaut worden, sie berührt ein Vogelschutzgebiet, außerdem durchquert sie fremdes Eigentum. Als Lokalpolitiker vor Jahren den Bebauungsplan abnickten, war ihnen das zwar alles bekannt, Naturschützer hatten mehrfach gemahnt. Aber nun ja. Der Grundbesitzer war unrechtmäßig enteignet worden. Er hatte dann dagegen geklagt und geklagt und am Ende recht bekommen. Nun versperren rot-weiße Plastikhütchen die Umgehung und in Bensersiel staut es sich am Wochenende. Die Leute sind sauer, aber dafür hat der kleine Küstenort jetzt Deutschlands größten Schwarzbau.

Und noch etwas fällt auf: In und um Bensersiel hat der Ostfriesenwitz offensichtlich überlebt, wenn auch nur in seiner furztrockensten Ausprägung. Als nämlich der Landrat kürzlich gefragt wurde, wie das Straßendesaster passieren konnte, sagte er lächelnd: „Dort, wo Menschen arbeiten, werden auch Fehler gemacht.“

Kaum hatte er das gesagt, fiel der Strom aus. Aber der Landrat wusste sich zu helfen. Er ging zum Strand und holte ein paar Kilo Watt.

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