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Noch fehlt der Schlussstein für die nagelneue Altstadt.

Frankfurter Altstadt

Beispiel einer Fake-Architektur?

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Frankfurts Altstadt soll den Eindruck erwecken, dass sie aus der Vergangenheit stammt. Wer genauer hinschaut, den erfasst ein Schwindel.

Die Altstadt wächst heran, Haus für Haus wird sie groß unter ganz anderen Häusern der Stadt Frankfurt a.M., in der nicht erst seit gestern existierenden Global City und schon etwas länger gewesenen Krönungsstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Auf dem Bauzaun ist überhaupt einiges über die Geschichte der Altstadt innerhalb der Stadtentwicklung Frankfurts festgehalten. Auf dass die Vergangenheit nicht zurückbleibe, ist auch der Bauzaun eine ganz bewusst zusammengezimmerte Einrichtung, so etwas wie ein provisorischer Erinnerungsort. Verweile doch! Frankfurt hängt diesem einen, einmal formulierten Gedanken immer wieder gerne an.

Fachwerkfassaden in Fachwerkmanier

Über den Bauzaun hinaus zeigt sich eine Baustelle, auf der bereits mit vielem abgeschlossen werden konnte. Die Fassaden führen vor, dass Handwerk hier auf sehr aufwendige Weise alle Hände voll zu tun hatte. Es hat in Akribie investiert. Das ist andernorts überhaupt nicht immer so. Wenn man sich über den Bauzaun oder durch Bauzaunlücken ansehen kann, dass Balken sich wie gebogen zeigen, dann tun sie das in den Fachwerkfassaden in Fachwerkmanier. Manche Einzelheit mehr sorgt für Staunen. Das Staunen wiederum für einen Schwindel. Kann das wahr sein? Eine dermaßen fein ausgebildete Fensterlaibung, ein derart spitzer Giebel? Wie sagt man? Gotisch, ja, so sagt man. Der Schwindel bekommt authentische Züge, er ist beides, Realität und gefühlter Taumel, objektive Realität und subjektives Schwanken. Die Fachwerkbalken sind aber nicht nur gebogen. Einigen Menschen gilt die Altstadt für das Beispiel einer Fake-Architektur, dass sich die Balken biegen.

Tatsächlich ist jedoch nicht ein jedes Ding in dieser Welt auf alt gemacht, das ganz bewusst. Die Entstehungszeit der Altstadt, die Herkunftszeit der Häuser ist eine aus dem Hier und Heute. Natürlich muss man dafür eine Antenne haben oder ein Sensorium oder einen Blick. Dann erschließt sich umgehend, dass man es an diesem Ort, bei dieser Altstadt, nicht mit einem historischen Ort zu tun hat, sondern mit einer nachgereichten Anmutung. Diese gibt sich sehr entschieden mit plausiblen Materialien, mit Schieferdach oder rötlichem Mainsandstein, sowie mit ebensolchen Typologien, mit geschweiftem Dach oder Laubengang. Ein jedes Detail soll sitzen und es soll wie ein Baustein aus einer anderen Zeit wirken, auch wenn er aus ihr überhaupt nicht (ab)stammt.

Noch fehlt der Schlussstein für die nagelneue Altstadt. Zum Schwindel aber, der bereits den Bauzaungast erfasst, gehört, dass er sich mit seinen Gedanken im Kreis dreht. Gesund ist das nicht.

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