Auge in Auge in Maskenzeiten, wird der Augenblick zu Coronazeiten zum Charaktertest.
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Auge in Auge in Maskenzeiten, wird der Augenblick zu Coronazeiten zum Charaktertest.

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Bedrohung

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Soziale Gleichgültigkeit, asoziale Aggression: Eine Begegnung im öffentlichen Raum.

Das ist aber nicht gut“ – wahrscheinlich war es dieser Satz, der falsch war, Wort für Wort. Aber war der Einwand idiotisch? Die Bemerkung fehl am Platz, als sich ein Mitbürger auf dem frei gehaltenen Sitz in der S-Bahnstation, zwischen zwei bereits besetzten Plätzen breitmachte? Die Hygieneregeln missachtend, die gesetzlichen Abstandsregelungen verhöhnend, ebenso die gesundheitliche Unversehrtheit von Mitbürgern, den zivilen Konsens.

Mitmenschen wollen gleich vielfach nicht mitmachen in diesen Tagen – sie gehen die Sache sehr komplex an. Zu ihrer Vielseitigkeit gehört die soziale Gleichgültigkeit und die asoziale Aggression. Gehörte gestern die wüste Beleidigung, die nicht wiedergegeben werden muss, um sie im Ohr zu behalten. Gehörte obendrein die unausgesprochene Ankündigung: Prügel gefällig?

Auge in Auge in Maskenzeiten, wird der Augenblick zu Coronazeiten zum Charaktertest. Was der Covidignorant verbal nicht aussprach, drückte seine Körpersprache unmissverständlich aus. Er drohte Schläge an. Und der Hund, der die Erregung am anderen Ende der Leine (immerhin war der Mitmensch angeleint), spürte, apportierte die Aggression und schaltete sich ebenfalls ein. Will man einen Hund am Hosenbein haben?

Was heißt hier eigentlich „man“? Schon wird der Sitzplatz aufgegeben, stumm, denn stumm zu reagieren, verspricht Davonkommen. Zumal: Welchen Sinn hätte ein Argument im Angesicht unverhohlener Aggression? Hinzu kam die Erfahrung, dass Abstand nehmen nicht reicht. Trotz Abrücken schickte der Aggressor weitere Drohungen auf den Hals. Obwohl man unmissverständlich verfolgt wurde, versuchte man sich vorbildlich zu verhalten – indem man noch mehr auf Abstand ging. Es half nur soziale Distanz, so generell wie ganz persönlich. Aber es war eine Kapitulation.

Corona sorgt im öffentlichen Raum für eine veränderte Körperkultur. Oder eine seit langem latent vorhandene? Wenn man Augenzeuge des ZDF-Gesprächs war, das im Anschluss an die Ausschreitungen in Berlin mit dem Bundesgesundheitsminister über den Hass von Covid-19-Leugnern gesendet wurde, und wenn man sah, wie der Politiker sich ratlos zeigte (und der Bürger Jens Spahn für einen Moment hilflos), dann muss man kein Anhänger von Betroffenheitsritualen sein, um sich die Frage zu stellen, wer bereit ist, den Kopf hinzuhalten, sobald man bedroht oder gar angegriffen wird. Was soll ich sagen, zumal der Allgemeinheit? Ganz im Sinne meiner Partikularinteressen habe ich meinen Kopf nicht hingehalten.

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