+
Beim Schuhkauf soll sie noch gesichtet beziehungsweise gehört worden sein, die Anrede Frollein.

Times mager

Bedienung

  • schließen

„Tschuldigung“? „Gsss, gsss“? Wie ruft man heutzutage in der Gaststätte, wenn man nicht zu „Frollein“ greifen will? Die Feuilleton-Kolumne.

Eine mehrminütige Intensiv-Recherche im engsten Familienkreis hat einen bedenklichen Befund ergeben: Das „Frollein“ lebt. Eine Quelle, die hier nicht preisgegeben werden kann, versichert glaubhaft, dass dieses Wort von einigen der Älteren unter uns immer noch verwendet werde, und zwar sowohl beim Kaffee-Bestellen als auch beim Schuhkauf.

Das geht natürlich nicht, selbst wenn man das Alter der Delinquentin und die von ihr gemachte Erfahrung, dass das „Frollein“ über Jahrzehnte als legitime Anrede vollkommen straffrei blieb, als strafmildernden Umstand werten wollte. Das „Frollein“ ist raus, over.

Von wegen „over“, jetzt fangen die Probleme nämlich erst an. Das „Frollein“ ist weg, und was ist an seine Stelle getreten? Nichts, null, Leere, allenfalls „Halloo?!“ oder „Tschuldigung!“, aber schön ist das nicht.

Sollten Sie zu dem Thema recherchieren wollen, geben Sie bitte nicht „Bedienung ansprechen“ ein. Da finden Sie nur Typen, die die Kellnerin blöde anmachen wollen und nicht richtig wissen, wie. Ergänzt durch Antworten, die Harvey Weinstein erfunden haben könnte: „Frauen können eben verheißungsvolle Signale aussenden, die dich noch etwas bestellen und das Trinkgeld üppiger ausfallen lassen. Sind eben Frauen. Sei nicht frustriert. Das isso.“

Aber wir waren beim Bestellen, und „Bedienung!“ brüllen, da sind wir uns wohl einig, bringt es heute auch nicht mehr. Auf lange zurückliegenden Lateinamerika-Reisen war eine ebenfalls nur begrenzt zukunftsfähige Praxis zu hören, die da lautete: „Gsss, gsss“. Verworfen.

Nächster Versuch: ein weibliches Pendant zu „Herr Ober“ finden. Aussichtslos. „Frau Oberin“ riecht nach Kloster, „Schwester Oberin“ auch, wenn es nicht sogar als übergriffiger Versuch verstanden wird, die Aufmerksamkeit eines schwulen Servicemanns zu erregen. Also doch: „Hallooo?!!“ oder „Tschuldigung“?

Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ meint: „Entschuldigung“ oder „Verzeihung“ ist absolut drin. Es geht auch, wenn man vorher nicht „Frollein“ gesagt hat. Präventiv-Entschuldigung halt.

Einfacher ist es übrigens dort, wo das Ignorieren der Rufe von Gästen zum Geschäftsmodell gehört. Davon gibt es zwei Varianten, nämlich erstens die professionelle, gern in großen Biergärten praktiziert: Sie rufen, was Sie wollen, und die Dame im Dirndl kommt, wann sie die Zeit nach einem geheimen Plan für gekommen hält. Zweitens die sympathisch unprofessionelle, unter studentischem Servicepersonal beliebt: Sie rufen, was Sie wollen, und die Bedienung kommt, wenn sie ihre Whatsapps gecheckt hat.

Das ist okay, und es ist besser als ein „Frollein“, das kommt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion