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Alle reden über ihn - genauso hat er sich das vorgestellt, der Haderlump, der Teufelskerl Richard Wagner.

Times mager

Bayreuth

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In einem Landgasthof im Fichtelgebirge reden alle über Richard Wagner und kennt sich ein Koch fabelhaft aus. Die Feuilleton-Kolumne.

Der schamlose, vollständige Sieg Richard Wagners über die links und rechts weggeschimpfte und weggeschwiegene Konkurrenz zeigt sich offenkundig jeden Sommer bei den Festspielen in Bayreuth, aber mehr noch anschließend im Landgasthof im Fichtelgebirge. Im Landgasthof im Fichtelgebirge wohnt man nicht nur, um nicht direkt in den Schuldturm weiterzureisen, auch wenn das schon ein Punkt ist. Aber an Unbequemlichkeiten ist man nun gewöhnt, stoisches Stillhalten und lautlose Tränen, und in diesem erfrischenden Jahr auch an die Vermeidung von allzu schallendem Gelächter. Und wenn der Nachbar es aus unerfindlichen Gründen schafft, an diesem Ort, der Heiligkeit und Unbequemlichkeiten kombiniert, wie es noch keiner Kirchenbank gelang, einzuschlafen, so wird er beim zartesten Schnarcher vom Begleiter geweckt. Der zarteste Schnarcher überträgt sich in der Akustik wie rasend.

Nein, im Landgasthof im Fichtelgebirge wohnt man vor allem deshalb, weil es ruhig, schön und kühl ist. Und keine Festspielgäste weit und breit, was natürlich nicht stimmt, aber auch die anderen Festspielgäste wollen Ruhe, Frieden und kühle Bergluft. Und es sind vermutlich nicht die, die die Bedienung angeschnauzt haben, weil sie ihnen nicht die Zusammensetzung des modischen Limonadegetränks erklären konnte. Es dürfte sich auch nicht um die Dame handeln, die auf der Toilette vorgedrängelt hat. Meine Herren, dieser Hinweis mag ihnen indiskret erscheinen, aber hierzu muss man wissen, dass es auf Damentoiletten hochzivilisiert kultiviert zugeht. Vorbildlich für viele gesellschaftliche Vorgänge. Weniger vorbildlich der Wächter, der Herrn S. knuffte, um Platz für die Kanzlerin zu schaffen. Wenn die Kanzlerin das wüsste.

Aber zurück auf den Landgasthof im Fichtelgebirge. Man sitzt im Freien neben einem Kirchlein zu einem Zeitpunkt, an dem auf der Berger Straße Anwohner längst die Polizei geholt hätten. Wenn der Koch gekocht hat, setzt auch er sich nach draußen und unterhält sich mit einer jungen Bekannten, die ebenfalls gerade in der Premiere war. Schwer zu sagen, wie sie das geschafft hat, jedenfalls war sie zu Recht dort. Denn am Nachbartisch geht es eine Stunde lang um die Inszenierung des Abends. Der Koch lässt sich in Ruhe jedes Bild erzählen, fragt nach. Anschließend erzählt er vom „Lohengrin“ aus dem vergangenen Jahr, Akt für Akt. Er hat ein irre gutes Gedächtnis. Oder er denkt an nichts anderes.

Eine junge Frau und ein Koch, und dazu glanzvolle Festspiele mit sauteuren Karten und der Kanzlerin, und alle reden über ihn oder zahlen jedenfalls: So hat er sich das vorgestellt, der Haderlump, der Teufelskerl, und so ist es gekommen.

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