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Eine Umarmung ist ja nett gemeint, hilft dem Baum aber nur bedingt.

Times mager

Baum

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Bäume atmen für uns Abgase ein und machen gesunde Atemluft daraus. Wie wär‘s da mal mit einem Dankeschön? Vielleicht in Form eines Eimers Wasser?

Wenn man etwas auf der Welt ganz besonders liebhaben sollte, was wäre das (außer der bezaubernden Frau, Mama, Meerrettichsenf und jeder latent streichelbaren Miezekatze)? Das, was wir gerade im großen Stil niedermetzeln: Bäume.

Wer in diesem Sommer oder im vorigen Sommer einen Sonntagsspaziergang gemacht hat, der wird kapiert haben: Unter einem Baum kann man überleben. Verlässt man seinen Schatten, muss man sofort sterben. Jedenfalls an drei von vier zufällig ausgewählten Sonntagnachmittagen im Juni oder Juli.

Mal stehenbleiben, dem Baum zuhören, wie er sagt: Servus, das ist kostenlos, du kannst hier sein, so lang du willst, ich beschütze dich. Wenn du so nett gewesen wärst, mich nicht krank zu machen, würde ich dir auch versprechen, dass nicht plötzlich einer meiner noch grünen Äste auf deinen Kopf fällt.

Bäume können nicht unsere Sprache sprechen. Wie die Dinge liegen, haben sie auch nicht mehr die Zeit, sie zu lernen. Ansonsten können Bäume alles.

Ich zieh’ mir deine Abgase rein, sagt der Baum, und mache daraus die gesündeste Luft, die du atmen kannst. Wo meine Kumpels und ich stehen, ist das Klima, von dem jetzt alle reden, top. Wo keiner von uns steht, ist dieses Klima mies. Wenn ihr dann noch massenhaft mit dem Auto da herumfahrt und Kohlen verbrennt, ist es total im Eimer. Dann wird es heiß auf der Welt und trocken, dann kippen wir um, meine Kumpels und ich, ohne uns wird es noch viel heißer und trockener, aber es gibt keinen mehr, bei dem ihr euch unterstellen könnt. Denk mal drüber nach.

Die Leute denken drüber nach, machen sich Sorgen und überlegen, ob sie noch zehn Jahre lang Kohlen verbrennen und Ottomotoren fahren sollen oder zwanzig Jahre oder dreißig.

Ich stehe hier seit 270 Jahren, sagt der Baum, Mozart wurde geboren, ich stand hier, Napoleon machte sein Zeug, ich stand hier, neun britische Monarchen kamen und gingen, und du weißt, die bleiben gern lang auf dem Thron, die britischen Monarchen. Ich stand hier. Aber das nächste Jahr werde ich nicht mehr erleben. Wenn du meinen noch ganz jungen Kumpels einmal die Woche 15 Eimer Wasser gibst, hilfst du ihnen sehr, sagt der Baum. Ob das vertretbar ist, musst du selbst entscheiden. Wird ja auch knapp, euer Wasser.

Auf der Liste weltweit wichtiger Wörter, die der US-Linguist Morris Swadesh in den 1950er Jahren anfing, sind die Begriffe Baum, Blatt und Borke bis heute als besonders stabil vermerkt. Aber man kann natürlich an ihrer statt demnächst ein paar andere weltweit wichtige Wörter einfügen, vielleicht Börse, Gen-Soja und Vielfliegerbonus. Linguistisch sind die sicher genauso gut.

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