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Ballettbann

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Von: Sylvia Staude

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Rudolf Nurejew als Prinz Florimund  bei den Proben zu „The Sleeping Beauty“ in London (Archivbild vom 27.03.1975).
Rudolf Nurejew als Prinz Florimund bei den Proben zu „The Sleeping Beauty“ in London (Archivbild vom 27.03.1975). © dpa

Rudolf Nurejew war der erste sowjetische Künstler, der in den Westen floh. Ein moralisches „Rübermachen“ genügt russischen Kunstschaffenden derzeit nicht unbedingt.

Das „Russische Staatsballett“, das in den Jahren vor der Pandemie winters verlässlich durch Deutschland tourte mit „Dornröschen“, „Nussknacker“ und natürlich „Schwanensee“, setzte auf die Verbindung der Wörter russisch und Ballett, zehrte vom gewaltigen Ruf, der bereits vor Sowjetzeiten etabliert wurde vom Mariinski- (dann Kirow-, seit 1991 wieder Mariinski-) und vom Bolschoi-Ballett. Im Westen hatte man selbst als Laie eine Ahnung davon, dass man sich beim Besuch einer Vorstellung des Kirow oder Bolschoi in ein Museum begab, aber auch, dass es sich um ein penibel gepflegtes Museum mit einer wahrhaft großen Tradition handelte. Seine Kennerschaft konnte man herausstreichen, indem man die Eleganz und Klarheit der Linien bis in die Fingerspitzen rühmte.

Dass Tanz eine unpolitische Kunst ist, außerdem der Völkerverständigung dient, schien damals festzustehen, denn wohlweislich reisten die berühmten Ensembles nicht mit sozialistischen Propagandastücken in den Westen. Aber es war ausgerechnet ein Tänzer, der sich als erster „sowjetischer“ Künstler überhaupt absetzte: Rudolf Nurejew, geboren 1938 in Sibirien, gelang es 1961 in Paris, seine KGB-Bewacher abzuschütteln. Das Kirow verlor neben weniger Berühmten 1970 auch Natalia Makarowa und 1974 Mikhail Baryshnikov, dem in Toronto mit westlicher Unterstützung die Flucht gelang.

Dem Freiheitsdrang, so hieß es und so ist es durchaus glaubhaft, lag nicht zuletzt das Bedürfnis zugrunde, Werke der Moderne tanzen zu können, von denen man dies und das aufgeschnappt hatte. Ein solches Risiko auf sich zu nehmen für die Kunst, das machte Baryshnikov und Nurejew zu Helden, auch zu Filmhelden. Baryshnikov selbst spielte 1984 in „White Nights“ einen Tänzer, dessen Flugzeug in Sibirien notlanden muss, wodurch er erneut in die Hände des Regimes gerät. Entgegen seiner Überzeugung hilft ihm ein schwarzer Steptänzer, gespielt von Gregory Hines. In Ralph Fiennes’ Filmbiografie „The White Crow“ (2018), wo es in der Hauptsache um Nurejews Flucht in den Westen geht, wurde der Tänzer übrigens von dem Ukrainer Oleg Ivenko gespielt, der hymnische Kritiken erhielt.

In der Flut der Gastspielabsagen und Kündigungen seit Beginn des Ukraine-Krieges hat es nun auch das Bolschoi-Ballett erwischt, das im Mai einige Tage im Madrider Teatro Real zu Gast sein sollte. Man bedauere sehr, teilt das Theater mit, besonders, weil der Direktor des Bolschoi, Wladimir Urin, sich gegen den Krieg ausgesprochen habe. Die Spanier finden also, dass russische Künstlerinnen und Künstler (jetzt im übertragenen Sinn) nicht mehr „rübermachen“ können. Das kann man durchaus problematisch finden.

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