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Bahn

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Von: Judith von Sternburg

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Wer nicht schluchzend am Bahnsteig steht, hatte wohl das Glück der Dreieinhalb-Stunden-Variante des Theaterstücks - und einen Zug vorher erwischt.
Wer nicht schluchzend am Bahnsteig steht, hatte wohl das Glück der Dreieinhalb-Stunden-Variante des Theaterstücks - und einen Zug vorher erwischt. © Nicolas Armer/dpa

Problematische Beziehungen, heute: In welchem Verhältnissen stehen Bahnfahrten und Schauspielpremieren zueinander?

Zu den unberechenbaren Dingen des Lebens gehören Schauspielpremieren und Bahnfahrten. Aber warum sind Schauspielpremieren überhaupt unberechenbar? So genau wissen wir, die Leute, die ewig und drei Tage im Zuschauerraum sitzen, das nicht. Die Faustregel ist, dass sich im Musiktheater bei den Proben vieles zeitig klärt, das macht die Musik, die bei aller Beweglichkeit ein beinhartes Gerüst darstellt. Und die Personen auf der Bühne in Anspruch nimmt. Der Bariton muss also genau wissen, wo die Requisite das Schwert deponiert hat, die Sopranistin muss wissen, wo sie dem Tenor in die Arme fallen kann, der Tenor muss wissen, wo die Sopranistin ihm in die Arme fallen wird. Ach so, und der Bass braucht eine Stelle, an der er einigermaßen bequem zu Boden gehen, sterben und anschließend einen Moment liegen kann. Bevor die Statisterie ihn abtransportiert, ohne dabei mit dem Tenor zu kollidieren, der mit der Sopranistin, pardon, herumknutscht.

Im Sprechtheater ist das alles nicht so festgelegt. Die letzten Tage vor der Premiere gelten als entscheidend. Was entschiedener klingt, als es ist. Man hört von weinenden Regisseuren, flüchtigen Hauptdarstellern, tollen Probenprozessen. Auf der anderen Seite des Vorhangs ist davon aber nur zu erfahren, wenn im Programmheft eine Spieldauer von vier Stunden steht, aber dann sind es bloß dreieinhalb. Sprechen wir nicht davon, welche Mengen an Text dabei versinken, sprechen wir davon, inwiefern jetzt die Bahn ins Spiel kommt.

Nun, auch die Bahn hat eine Art von Beweglichkeit, die auf der Hinfahrt vielleicht so klingt: Nachricht (N) 1: Ihre Ankunft in K verspätet sich um 5 Minuten. N2: Ihre Ankunft in K ist wieder pünktlich. Okay. Auf der Rückfahrt klingt es vielleicht so: N1: Ihre Abfahrt von K nach M verspätet sich um eine Minute. N2: Ihre Abfahrt von K nach M verspätet sich um 7 Minuten. N3: Ihr Anschluss in M ist nicht erreichbar. N4: Ihre Ankunft in M verspätet sich um 7 Minuten. N5: Ihr Anschluss in M wird wieder erreicht. N6: Ihr Anschluss in F ist nicht erreichbar. N7: Ihre Ankunft in M verspätet sich um eine Minute. N8: Ihre Abfahrt von M nach F verspätet sich um 5 Minuten. N9: Ihre Ankunft in F verspätet sich um 5 Minuten. N10: Ihre Ankunft in F verspätet sich um 43 Minuten. N11: Ihre Abfahrt von M nach F verspätet sich um 43 Minuten. N12: Ihr Halt in F entfällt.

Wer jetzt nicht schluchzend am Bahnsteig in M steht, hatte einfach das Glück der Dreieinhalb-Stunden-Variante und einen Zug vorher erwischt. Er bekommt dort ein Stück nach dem Stück geboten. Klingt wie ein Dramolett, ist aber ein Monolog, intensiv, direkt. Denn natürlich wird gleich weiterrezensiert.

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