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Scott Wagstaff vom AFC Wimbledon treibt die Bartkultur auf die Spitze.

Times mager

Bärtig

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Ob nichtvorhanden oder eben doch - der Bart ist ein Thema.

Viele Frauen denken, Männer hätten keine Probleme. Dann fällt ihnen der Bart wieder ein. Dass ein nichtvorhandener Bart permanente, womöglich tägliche Aktion an nicht empfindungsloser Stelle erfordert, ist eine von außen betrachtet kaum vorstellbare Anstrengung. Durch ufoartige Apparaturen, die in Werbefilmen makellose Kinnpartien abfahren, dürfte der Vorgang, bei dem es sich ja doch um eine Schur handelt, unzulänglich wiedergegeben sein.

Während der nichtvorhandene Bart sein Geheimnis wahrt, Unsichtbarkeit ist hier oberstes Gebot, sind Bartmoden seit einigen Jahren wieder in aller Munde. Die Frühjahrsprospekte der Buchverlage zeigten weitere jüngere Schriftsteller im neuen Look (Clemens J. Setz), während Kollegenbärte zum Teil bereits wieder ab sind. In Frankfurt verhält sich das allerdings komplizierter, weil zu modischen Überlegungen – oder dem eindrucksvollen, aber auch befremdlichen Erlebnis, in der Heimat für den eigenen Großvater gehalten zu werden – die Magie des Fußballs tritt. Wohl und wehe der betreffenden Mannschaft scheinen eng damit verknüpft zu sein, dass bestimmte Bewohner der Stadt über einen bestimmten Zeitraum hinweg ihren Bart stehenlassen. Solche Verabredungen mit dem Schicksal vermitteln eine Art von windiger Gottesfurcht, die Gretchens Mutter nicht behagt hätte. Hingegen dürfen sich rund 2400 Oberammergauer und seltener genannte, aber ebenso betroffene Oberammergauerinnen sich mit dem am Aschermittwoch verhängten Haar- und Barterlass ganz in katholischem Recht fühlen.

Die Oberammergauer Friseursalons hatten am Vortag noch einmal Hochbetrieb, so ist zu lesen, in den nächsten anderthalb Jahren wird es dann ruhiger werden. Man renoviere und nehme länger Urlaub, heißt es aus Branchenkreisen vor Ort friedfertig. Auch verbleiben etwa 60 römische Soldaten als Kundschaft, und ohnehin die Bühnenarbeiter, Musiker sowie jene, die erst seit schlappen 19 Jahren in Oberammergau wohnen und noch nicht mitspielen dürfen. Auch, vermeldet domradio.de, ist noch nicht geklärt, ob der Judas-Darsteller, der sonst bei der Bundeswehr arbeitet, seinen Bart wird lang und lange genug wachsen lassen können. Es werde wohl ein entsprechendes Bittgesuch an Ursula von der Leyen geben müssen, hieß es sorgenfrei. Ging schon einmal gut, bei Franz Josef Strauß.

Der Mix aus Frömmigkeit und Spaß scheint kurzum unwiderstehlich zu sein, bis man dann wieder bei 4 Grad auf harten Bänken Stunde um Stunde und dann noch drei, vier Stunden einer Laienvorstellung beiwohnt. Oder leicht bekleidet am Kreuz hängt mit seinem schönen Bart. Man vergisst sie über die zehn Jahre, die Passion, die wieder fürchterlich sein muss und sein wird.

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