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Bärte

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Von: Sandra Danicke

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Scarlett Johansson trat von der Rolle in „Rub and Tug“ zurück, in dem sie einen trans Mann spielen sollte - und bedauerte, dass sie sie überhaupt angenommen hatte.
Scarlett Johansson trat von der Rolle in „Rub and Tug“ zurück, in dem sie einen trans Mann spielen sollte - und bedauerte, dass sie sie überhaupt angenommen hatte. Der Film erzählt die Geschichte von Dante „Tex“ Gill, eines Mannes aus der Unterwelt Pittsburghs in den 70er und 80er Jahren © Evan Agostini/dpa (Archiv)

Vor zwanzig Jahren klebte man Frauen Bärte an und ließ sie im Film die Reiter von Rohan spielen. Heute täte man sich damit vermutlich schwer.

Es wird viel gestritten darüber, wen Schauspielerinnen und Schauspieler heutzutage darstellen dürfen. In Hollywood geht die Tendenz dahin, dass nur Charaktere verkörpert werden sollen, die der eigenen Ethnie, der eigenen sexuellen Orientierung, dem eigenen Geschlecht, der eigenen Religion entsprechen. Zuletzt gab es Diskussionen darüber, ob Helen Mirren das Recht hat, als Golda Meir vor der Kamera zu stehen. Die Schauspielerin wurde allen Ernstes als „Rassistin“ beschimpft. Die Rede war von „Jewfacing“ in Anlehnung an den Begriff Blackfacing. Wobei letzteres einst damit einherging, schwarze Menschen lächerlich zu machen. Die Verunglimpfung einer jüdischen Frau dürfte kaum Mirrens Absicht gewesen sein. Nach allem, was man hört, verkörpert sie die Rolle der israelischen Premiereministerin mit viel Grandezza.

Auch Scarlett Johansson wurde 2019 beschimpft, als bekannt wurde, dass sie einen Transgender-Mann spielen sollte. Die Situation war heikler, denn für Transmenschen gibt es tatsächlich nur wenig Rollenangebote. Johansson verzichtete - und alle hatten gewonnen. Der Star hat seine Verbundenheit mit der Transcommunity demonstriert. Das Filmprojekt war auch ohne den Weltstar in der Hauptrolle prominent geworden. So elegant funktioniert das leider nicht immer.

Man könnte zum Beispiel fragen, wie es sich eigentlich mit der Darstellung behinderter oder kranker Menschen verhält. Tom Hanks in „Forrest Gump“. Dustin Hoffmann in „Rainman“, Robert de Niro in „Zeit des Erwachsens“. Wäre das heute noch möglich? Und geht es beim Schauspielen nicht seit je darum, jemanden darzustellen, der man nicht ist?

Als Lars Eidinger an der Berliner Schaubühne humpelnd und in schiefer Haltung Richard III. darstellte, erschien das einigen wie die Karikatur eines Menschen mit Körperbehinderung. Cripping up nennt man das, Eidinger erhielt Hassnachrichten.

Als vor gut zwanzig Jahren die Filmtrilogie „Herr der Ringe“ gedreht wurde, machte man sich über die Problematik wer wen spielen darf offenbar noch keine Gedanken. Im zweiten Teil „Herr der Ringe: Die zwei Türme“ sind die Hälfte der Reiter von Rohan in Wirklichkeit Frauen. Man hatte ihnen Bärte angeklebt.

Die Entscheidung war eine rein pragmatische. Gedreht wurde in Neuseeland, und man wollte die Rollen mit Menschen besetzen, die eigene Pferde haben und gut reiten können. Vor Ort waren das vor allem Frauen. Anders als viele Schauspielerinnen und Schauspieler, die vor der Kamera das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung wechseln (Jake Gyllenhaal, Heath Ledger, Hillary Swank), haben sie allerdings für ihre Leistung keine Oscarnominierungen bekommen.

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