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Von: Judith von Sternburg

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Wegen jahrzehntelanger dauerhafter Erfolglosigkeit nicht mehr im Programm: Heidesand.
Wegen jahrzehntelanger dauerhafter Erfolglosigkeit nicht mehr im Programm: Heidesand. © Imago

Klare Verabredungen in Sachen Reihenfolge, Menge und Magie sind wichtig bei der Weihnachtsbäckerei.

In der Zeitung jetzt wieder Supertipps, wie sich die Weihnachtsbäckerei an einem Nachmittag erledigen lässt. Für 15 bis 20 Plätzchen pro Sorte. Ach so. Süß.

Die Weihnachtsbäckerei ist ein unkomplizierteres Gebiet als zum Beispiel: Kindererziehung. Oder das Kochen für Gäste. Bei der Kindererziehung geht es um das Wohl des Kindes, man wird sich umhören und offen halten für aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, und überhaupt will man an seinem Kinder vermutlich gar nicht ziehen, sondern sie gedeihen und zu glücklichen Menschen werden lassen und so weiter. Beim Kochen für Gäste geht es darum, die Situation zu überstehen. Die kluge Schwester wird einem sagen, wie das geht und was man derzeit so kocht.

Bei der Weihnachtsbäckerei hingegen ist Kontinuität die eherne Losung. Es gibt nur zwei Orte auf der Welt, an denen der Satz „Das haben wir immer so gemacht“ eine Rolle spielt. Der eine ist eine Zeitungsredaktion (300-mal im Jahr) und der andere ist die Weihnachtsbäckerei (einmal im Jahr). Der Unterschied wiederum: In einer Zeitungsredaktion wird das zwar ohne Unterlass gesagt, aber auch mit Ironie. Was nicht bedeutet, dass es nicht trotzdem so wäre. Haarige Sache, man muss einander gut kennen, um zu wissen, wo es jetzt mehr um Ironie, also Spielraum und Diskussionspotenzial, geht und wo der Spaß aufhört. Dass sich die Regeln in einer schicken und in die Zukunft blickenden Zeitung ständig ändern (wer würde heute noch sagen: „Vierspalter am Rand, der Redakteurin Schand“), bedeutet nicht, dass es keine Regeln gibt.

Aber genug der delikaten Interna. Entscheidend: In der Weihnachtsbäckerei gibt es klare Verabredungen. Sie betreffen Reihenfolge, Menge und Magie. Die Reihenfolge: Butterplätzchen, Vanillekipferl, Spritzgebäck, Zimtsterne, fakultativ: Haselnussmakronen, Kokosmakronen, englisches Teegebäck aus einer Ausgabe des „Wiesbadener Kuriers“ von 1986. Wegen jahrzehntelanger dauerhafter Erfolglosigkeit nicht mehr im Programm: Heidesand. Wie bitte, Sie haben jahrzehntelang erfolglos Heidesand gebacken, bevor Sie ihn aus dem Programm genommen haben? Nun, die Mühlen der Weihnachtsbäckerei mahlen langsam und haben ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis. Die Menge: zwei- bis vierfach. Eine Weihnachtsbäckerei, die damit beginnt, dass viel zu wenige Butterplätzchen vorhanden sind, steht von vornherein unter einem schlechten Stern. Wenn dann noch einer sagt: Dann back doch noch eine Runde, könnte man eh ausflippen, erstens, zweitens ist es eine magische Tatsache, dass man jede Sorte nur einmal backen sollte. Keine Ahnung, was sonst passiert, aber gut wird es nicht sein.

Sachdienliche Hinweise, wie das Spritzgebäck aus der „Brigitte“, Saison 1973, ohne Tobsuchtsanfälle hinzubekommen ist, bitte an die Redaktion.

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