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Axolotl

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Von: Sylvia Staude

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Es scheint doch der Axolotl  von Gott oder der Evolution einen großen Batzen an Vorteilen bekommen zu haben.
Es scheint doch der Axolotl von Gott oder der Evolution einen großen Batzen an Vorteilen bekommen zu haben. © Imago

Warum können wir uns nicht erneuern wie ein Schwanzlurch? Nach einem kleinen Zechgelage zum Beispiel.

Man kann nicht alles haben, pflegte die weise Großmutter zu sagen. Zum Beispiel lange Haare ohne Spliss. Oder jeden Tag ihren wunderbaren Apfelstrudel, ihre herrlichen Marillenknödel ohne Karies. Oder ein bauchfreies Faschingskostüm, ohne sich in der zugigen Turnhalle von P. durch den Abend zu bibbern und eine Erkältung zu holen.

Aber es scheint doch der Axolotl (außer einem Namen, bei dessen Erwähnung fast jeder Mensch lächeln muss) von Gott oder der Evolution einen großen Batzen an Vorteilen bekommen zu haben, obwohl er sich nicht halb so vielen Herausforderungen stellen muss wie Homo sapiens. Lebt er doch sein ganzes Leben nur im Wasser und muss nicht einmal metamorphosieren, also erwachsen werden: Ambystoma mexicanum tritt „natürlicherweise“ nur als Dauerlarve auf, weiß Wikipedia. Spart sich damit den ganzen Pubertätsstress, die Launen, den Stimmbruch, die Pickel ... Wird aber, anders als Peter Pan, trotzdem geschlechtsreif. Logisch, sonst gäbe es ihn ja nicht mehr.

Bei der Zeugung von Nachfahren hat zumindest der männliche Axolotl ein bisschen Spaß, indem er das tut, was die Wissenschaft als „tanzen“ bezeichnet (und was, zugegeben, ähnlich auch beim Menschen-Männchen als Tanzen durchgeht, jedenfalls, wenn dann alle Beteiligten genug getrunken haben): „Schlängelnde Bewegungen“ bei gleichzeitig gebeugtem Körper.

Aber der Anlass, hier und heute vom Axolotl zu berichten, ist eine neue Studie, nach der der Schwanzlurch auch verlorene Nervenzellen ersetzen kann. Nach einer Wiederherstellung von Gliedmaßen, Organen und Teilen des Herzens (dies alles „vollständig und funktionstüchtig“) nun auch noch das: eine „besondere Regenerationsfähigkeit“ auch im Gehirn.

Das ist so unfair. Denn muss der Axolotl einen Fahrkartenautomaten bedienen? Eine neue Grundsteuererklärung ausfüllen in einem Portal, das beunruhigenderweise auch noch „Elster“ heißt? Muss er sich an den Geburtstag von Onkel und Tante erinnern? Oder mit dem Onkel, dann mit der Tante, dann mit dem Cousin ausführlich anstoßen und am nächsten Tag feststellen, dass das wieder ein paar Gehirnzellen das Leben gekostet haben dürfte? Hat man je gehört, dass Axolotl (Axolotls, Axolotlx?) Partys feiern? Hat man je gehört, dass sie sich am Ende ihres bis zu 20-jährigen Lebens die Namen ihrer Mit-Axolotl nicht mehr merken können? Nein. Zu was also brauchen sie frische Gehirnzellen?

Würde man tauschen wollen? Oder gern wiedergeboren werden als Schwanzlurch? Wenn Sie so fragen: Nicht direkt. Man möchte doch wenigstens die Option haben, ein paar Zellen wegzufeiern.

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