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Autoritär

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Von: Michael Hesse

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Kim Jong Un - ein Machthaber, der wohl den Inbegriff von Autorität darstellt, koste es was es wolle.
Kim Jong Un - ein Machthaber, der wohl den Inbegriff von Autorität darstellt, koste es was es wolle. © dpa

Je schlechter die Zeiten, desto autoritärer die Menschen.

Der Psychologe Erich Fromm schrieb einmal: Je schlechter die Zeiten, desto autoritärer die Menschen. Und tatsächlich leben wir wieder in schlechten Zeiten, oder für uns in Deutschland gesagt, in Zeiten mit eher schlechten Aussichten. Das Phänomen des Autoritären macht vielen Ländern zu schaffen. Immer noch. Es scheint weltweit mehr Befürworter einer autoritären Herrschaft zu geben als in den Jahren zuvor. Wir leben in gefährlichen Zeiten.

Rund 15 Prozent der Gesellschaft, so eine US-Studie, besitzen eine autoritäre Einstellung. Sie bevorzugen klare Herrschaftsstrukturen, ein eindeutiges oben und unten. Ihre Identität beziehen diese Menschen durch den Ausschluss von Schwächeren. Die Schwächeren sind in der heutigen Zeit Geflüchtete, Menschen mit einer Migrationsgeschichte und oftmals Muslime. Hinzu gesellt sich die hässliche Fratze des Antisemitismus.

In der Schule lasen wir einst den Roman von Heinrich Mann: „Der Untertan“. Die Hauptfigur darin ist ein gewisser Diederich Heßling, den Rücken gebeugt, tritt er nach unten, um voranzukommen. Eine „Radfahrernatur“, wie man so sagt. Er ist der Prototyp für all die deutschen Entwicklungen, die in den Ersten Weltkrieg mündeten und die Diktatur der Nazis ab 1933 ermöglichten. Heßling steht für den Typus des angepassten Deutschen, der es sich in der NS-Diktatur bequem gemacht hatte. Stets wählt er dazu den Weg des geringsten Widerstands – und dieser besteht darin, die Schwächsten zu schikanieren.

Zwischen 1906 und 1914 von Heinrich Mann zu Papier gebracht, kündet der Roman bereits vom Zusammenbruch des Kaiserreichs im Krieg und sogar schon von den Mächten, die Weimar zerstören werden. Alles pure Vergangenheit? 40 Prozent der Deutschen, ergab eine Studie der Uni Leipzig, wären bereit, ein autoritäres Regime zu unterstützen.

Lange schon war man damit beschäftigt herauszufinden, was den typischen Untertan möglich macht. Der Philosoph Theodor W. Adorno fand heraus, es seien alle Menschen irgendwann faschistischer Ideologie ausgesetzt, aber nur manche zeigen sich dafür empfänglich. Faschistische Einstellungen treten meist nicht einzeln auf, sie bilden ein typisches Denkmuster, eine Einheit. Was sie zusammenhält, ist der Charakter. Der autoritäre Mensch ist ein besonders konventioneller Mensch, starr gebunden an hergebrachte Werte. Er hat einen Hang, die Welt anhand vorgefertigter Stereotypen zu beurteilen, er denkt in rigiden Kategorien von Gut und Böse, Richtig und Falsch – alles Ambivalente ist ihm verdächtig. Es ist eine traurige Gewissheit: Die Wiedergängerinnen und Wiedergänger von Diederich Heßling sind wieder da.

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