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Die Wegführung von zwei Schienen muss nicht zielstrebig ausfallen.

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So zweckgerichtet die Wegstrecke auch erscheinen mag, sie muss nicht nur direkt zielgerichtet verlegt worden sein.

Die Wegführung von zwei Schienen muss nicht zielstrebig ausfallen. So zweckgerichtet die Wegstrecke auch erscheinen mag, sie muss nicht nur direkt zielgerichtet verlegt worden sein. Sogar der kürzeste Weg von A nach B ist überhaupt kein Muss, wie man es in der Straßenbahn selbst vielleicht nicht bemerkt, wohl aber durch einen Blick auf den Stadtplan. Der Straßenbahnblick, mag er noch so sehr abschweifen, ist ein doch sehr eingeschränkter Blick. Die Draufsicht auf einen Stadtplan gestattet immerhin einen Überblick.

Dennoch, auch ohne ihn kann der Straßenbahnnutzer gewahr werden, wie die Tram einen Bogen macht, ja, einen sogar schönen Bogen beschreibt, nur weil den Schienen etwas im Wege steht, weil es verblieben ist, stur stehen geblieben ist, ein Haus, eine Häuserzeile, und deswegen sind die Umstände, unter denen die Straßenbahn etwa den Berliner Zionskirchplatz noch vor ein paar Jahren so umständlich befuhr, so sinnfällig. Die Straßenbahn schien ein wenig Zeit zu verbummeln. Nicht der Fahrplan, vielmehr die Verspätung schien, wenn man es recht bedachte, dem Müßiggang der Bahn Rechnung zu tragen.

Für Frankfurts Linien 11 und 12 wird die Situation seit ein paar Wochen auf eigene Weise umständlich. Wegen Bauarbeiten ist die Durchfahrt vom Willy-Brandt-Platz zum Hauptbahnhof versperrt. Die Schienen haben zeitweilig überhaupt nichts Zielstrebiges mehr. Es besteht keine andere Möglichkeit als auszusteigen. So ist Zeit für so etwas wie einen Umweg, und auch wenn man diesen nicht direkt in Angriff nimmt, sondern für einen Abstecher nutzt, so kann der Fußgänger einen Hauseingang tangieren, schräg gegenüber vom Hauptbahnhof, dort, wo sich heute hinter einer grünlichen Fassade ein Irish Pub befindet.

Eine Gedenktafel, von den Linien 12, 16 oder 21 aus kaum zu erkennen, erinnert an einen Mann, der von 1958 bis 1974 in Frankfurt lebte und den ein Film Steven Spielbergs 1993 sehr bekannt machte. „In diesem Haus lebte von 1965 bis 1974 Oskar Schindler. Während der Zeit des Nationalsozialismus rettetet er über 1200 Juden vor dem Tod in Auschwitz und anderen Lagern“.

Die unübersehbar auch beschmierte Gedenktafel, in unmittelbarer Nachbarschaft von Werbetafeln wie „One Day in Life, Geheimnis“ oder „Euronet Geldautomat“, erinnert an eine Zeit, in der Schienenstränge für die Opfer des Nationalsozialismus etwas Schreckliches hatten, etwas Unerbittliches. Hinter der Gedenktafel steht das Bild endgültiger Schienen, das Jahrhundertbild, Auschwitz.

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