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Kann man einen Blick anblicken?

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Kann man einen Blick anblicken? Erbsen zählen und wandern in den Ausläufern des Schwarzwaldes.

Schon der Aufstieg vom Frühstück zum Mittagsimbiss war höchst angenehm gewesen, auf schattigen Wegen war es sanft ansteigend durch die Ausläufer des Schwarzwalds gegangen, und als Schloss Bürgeln erreicht war, kannte die Begeisterung keine Grenzen. „Guck dir den Blick an“, sagte Wanderer A und ließ denselben über die famose Aussicht bis zu den Vogesen schweifen.

Wanderer B allerdings, auch im Moment tiefer Rührung immer in Bereitschaft, ein paar Erbsen zu zählen, wiederholte die Formulierung „Guck dir den Blick an“ mit einem derart kritischen Unterton, dass auch Wanderer A für einen Augenblick zu zweifeln begann: Kann man einen Blick anblicken? Wäre es besser gewesen, zu sagen: „Sieh dir die Aussicht an?“ Oder wäre er dann nicht trotz besten Wetters vom Regen in die Traufe geraten?

Andererseits, wehrte sich Wanderer A nun doch: „Wenn ich dir sage, du hättest einen schönen Blick, was ich nicht tue, dann ist es etwas anderes, als wenn ich dir sage, alle Menschen hätten von hier aus einen schönen Blick, und zwar auf die Vogesen. Also kann ich sehr wohl einen Blick anschauen, ja anblicken, wenn es um die Schönheit der Aussicht geht.“

Wanderer B lenkte ein, nicht ohne allerdings der Rechthaberei noch ein Krönchen aufzusetzen mit der Bemerkung: „Du kannst auch meinen schönen Blick anblicken.“ Womit die Sache zunächst erledigt war, denn es war Zeit für den Abstieg nach Obereggenen, wo ein treuer Freund mit Auto am Hirschen wartete, um den Wanderern die Anstrengung ein wenig zu verkürzen.

Erst abends, beim Essen auf der Terrasse des „Grünen Baums“, kam das Thema „Aussicht“ wieder zur Sprache. Zunächst wegen des großartigen Sonnenuntergangs und dann, als im Wartehäuschen der Bushaltestelle das Licht anging.

Es war ein Stillleben der allerschönsten Sorte, den sorgsam gemauerten Unterstand von innen leuchten zu sehen. Und die Befürchtung, die Idylle könnte gestört werden zum Beispiel durch regen Busverkehr, zerschlug sich im Gespräch mit der Wirtin des „Grünen Baums“ außerordentlich schnell.

Der Sinn der Wartehaus-Beleuchtung („In Freiburg würden sie sich nach so was die Finger lecken“) sei auch ihr nicht geläufig, so die Wirtin. Dass sie dazu diene, einer Vielzahl von Wanderern das Karten- oder Fahrplanlesen zu erleichtern, sei jedenfalls ausgeschlossen, denn der Bus komme lediglich viermal am Tag, vor allem, um die Kinder des Ortes in die Schule zu bringen und zurück. Die Wirtin präzisierte dann noch: „Die beiden Kinder.“ Schöne Aussichten.

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