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Auslastung

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Von: Bernhard Honnigfort

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Gemein: Der Mann am Fagott hat weniger zu tun als die Streicher.
Gemein: Der Mann am Fagott hat weniger zu tun als die Streicher. © Imago

Der Rechnungshof in Rheinland-Pfalz hat eine Gerechtigkeitslücke entdeckt: Klarinette, Fagott oder Oboe haben im Orchester weniger zu tun als die Geigen. Wäre es nicht fair, wenn alle Musiker gleich viele Noten spielen müssten? Neue Kompositionen braucht das Land!

Als die Sächsische Staatskapelle in Dresden einmal wieder Gustav Mahlers 6. Symphonie aufführte, da passierte Folgendes: Einer der Schlagwerker, er trugt einen gewaltigen Holzhammer in beiden Händen, stieg auf ein Holzschemelchen und wartete. Vor ihm stand eine kühlschrankgroße Kiste aus Holz. Als es die Komposition erforderte, holte der Mann gewaltig aus und schlug mehrere Male mit äußerster Kraft auf die Kiste, die in Wahrheit ein Instrument war, das man extra aus Leipzig herangekarrt hatte. Es gab einen trockenen, sehr lauten Knall.

Dann setzte sich der kräftige junge Musiker wieder, denn sehr viel mehr musste er nicht machen. Er saß tatsächlich viel herum, würde man sagen, wenn man so drauf wäre wie die Leute beim Rechnungshof von Rheinland-Pfalz, der so etwas Irres wie den Schlag auf den Holzkasten in seinem Hoheitsgebiet gewiss kritisch beäugen würde.

Dort haben die Prüfer sich die Orchester in Mainz, Koblenz und Ludwigshafen angesehen und eine musikalische Gerechtigkeitslücke entdeckt: Streicher tun viel mehr als etwa Klarinettisten, Oboisten oder die Jungs vom Fagott. Streicher seien höher ausgelastet, Bläser weniger, weshalb man darüber nachdenken sollte, ob die nicht noch etwas anderes Nützliches machen könnten für ihr Geld. Zum Beispiel Musikunterricht geben – was viele allerdings sowieso schon tun.

Brennholz braucht es immer

Tatsächlich muss man weiterdenken. Einen gut gebauten, aber eher wenig beschäftigten Schlagwerker wie den aus Dresden gibt es sicher auch im waldreichen Rheinland-Pfalz. Man könnte ihn neben den musikalischen Kurzeinsätzen auch gut im Staatsforst verwenden, Brennholz braucht es immer. Eine Oboistin oder Flötistin, die naturgemäß etwas von kontrollierter Atmung versteht, könnte in Koblenz in Geburtsvorbereitungskursen mit werdenden Müttern (und Vätern) einüben, wie Wehen weggehechelt werden.

Wenn das nicht geht, sollte man vielleicht über andere Entlohnungsmodelle nachdenken. Wieso nicht nach Lautstärke bezahlen? Oder danach, wie unhandlich (Kontrabass) das zu bearbeitende Instrument ist?

Und sollte sich auch das nicht als tragbar erweisen: Wieso nicht einen radikalkommunistischen Weg einschlagen? Wieso nicht neue Kompositionen anfertigen lassen, in denen alle Instrumente genau gleich viel zum Einsatz kommen, nämlich alle immer? Weg mit Mozart, Beethoven, Mahler, dem unsortierten Kram. Oder dieser Dirigent vorne dran: Gehalt runter, der spielt ja noch nicht einmal ein Instrument.

Musik ist, in Rheinland-Pfalz weiß man das, ein Fass ohne Boden. Immer gewesen.

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